Schwarzer Schwan – Theres Essmann

Schwarzer Schwan - Theres Essmann

„Schwarzer Schwan“, die Neuausgabe von „Federico Temperini“, ist ein kleines, aber starkes Romandebüt über zwei ungleiche Männer, die gemeinsam das Loslassen lernen.

4/5

Inhalt

Jürgen Krause fährt seit 15 Jahren Taxi, als er einen Anruf von Federico Temperini erhält: Er soll ihn von Zeit zu Zeit fahren – und auf ihn warten. Jürgen ist kein Chauffeur, doch seine Neugier überwiegt. Bald kutschiert er den rätselhaften Mann nicht mehr nur zur Philharmonie – und stellt fest, dass ihn mehr mit ihm verbindet, als man auf den ersten Blick vermutet.

Ein Kölner Taxifahrer mit Herz

Jürgen ist ein Lieber, das steht außer Frage. An erster Stelle kommt sein Sohn Leo, inzwischen 16, auch wenn dieser seit Jahren aufgehört hat, ihn „Papa“ zu nennen, und fünf Stunden entfernt lebt. Er hat eine Schwäche für Biografien, liest und hört Eric Clapton. Mit Klassik kann er nichts anfangen – doch dann mogelt sich Federico Temperini in sein Leben.

Ein wortkarger alter Mann

"Auf den Hinfahrten war er einsilbig, auf den Rückfahrten gesprächiger, ein aufrecht sitzender, strenger Richter in Schwarz, der den Daumen über Geiger und Pianisten häufiger senkte als er ihn hob."

Ein betagter Mann, der seine linke Hand versteckt und sich für wenig mehr als Niccolò Paganini zu begeistern scheint. Sympathisch ist er nicht, eher düster. Jemand, der sich kaum einordnen lässt. Was kann an ihm so interessant sein, dass man von den Seiten nicht loskommt, dass Jürgen Verabredungen absagt und seine Vorsätze umstößt? Ich sage: Es ist das Rätselhafte, das er mitbringt, die Fragen, die in der Luft hängen.
Als Federico Temperini in die Geschichte einsteigt, sagt er nur seinen Namen – und wartet. Spekuliert er darauf, erkannt zu werden? Immer strahlt er eine gewisse Erwartungshaltung aus, lässt aber ungesagt, was er möchte. Und das ist eine Sache, die sich durch das Buch zieht:

Auf das Unausgesprochene kommt es an

Hier gibt es so viel zu entdecken, wenn man zwischen den Zeilen liest und die Handlungen hinterfragt. Ein paar Beispiele:

Jürgen hat früher Autogrammkarten gesammelt. Sein Freund hieß Wolle. Heute geht er mit Wolfgang zum Badminton. Ob es derselbe ist? Ich denke: Ja. Jürgen ist ein sensibler Mensch, er mag Sicherheit, Beständigkeit. Wir sehen das an seiner Prüfungsangst. Er will Fehler vermeiden – und hat doch das Gefühl, versagt zu haben. Hat er sie nicht verloren, seine Familie, seinen Sohn? Ich glaube, dass er Biografien so gerne mag, weil darin Leute von ihrem Scheitern erzählen. Er fühlt sich verbunden, verstanden, weniger allein.
Man spürt, wie sehr er Leo liebt – und wie sehr er das Gefühl hat, hinter Ulrich zurückzubleiben. Er spricht von einem „Zweit-Zuhause“, das er seinem eigenen Kind bietet. Und hier kommt die Parallele zu Temperini;

Die beiden ungleichen Männer verbindet etwas: Auch Temperini ist dazu verdammt, die „zweite Geige“ zu spielen (wenn überhaupt). Er musste sich immer vergleichen und messen lassen, kam dabei gut weg, „kongenial“ heißt es, aber: Was ist heute? Wer ist er, wer kennt ihn noch? Wer bleibt in Erinnerung?

Hier spielt auch das Motto rein:

"Wissen wir denn, um welchen Preis
der Mensch seine Größe erkauft?"

Temperini hat künstlerischen Erfolg angestrebt – und für eine Weile genossen. Dabei hat er versucht, jemanden zu imitieren. Was hat er dafür aufgegeben? Und was bleibt ihm am Ende, da lediglich sein Können bewundert wurde, nicht seine Person?
Jürgen hingegen, dieser unauffällige Taxifahrer, der besticht durch menschliche Größe – und die wird er unter Beweis stellen.

Zwei, die loslassen müssen

Sie müssen loslassen. Das verbindet den emotionalen Jürgen und den geheimnisvollen Temperini. Doch zunächst müssen sie einander einigermaßen vertrauen. Und so wechselt der alte Mann seinen Platz, kommt vom Rücksitz auf den Beifahrersitz, gibt die Distanz ein Stück weit auf. Jürgen ist der Richtige für Temperinis Vorhaben, er ist zuverlässig und treu, er interessiert sich für Menschen, will sie wirklich verstehen (deswegen braucht er die Biografie zur Autogrammkarte). Ja, Jürgen ist die beste, die erste Wahl für die verantwortungsvolle Aufgabe, die ihm ohne sein Wissen anvertraut wird. Und so wird das Loslassen ein Gewinn – auf allen Seiten. 

Aufbau/Stil

Wenn wir das Buch zuklappen, sind neun Monate vorbei. Neun Monate, in denen die beiden etwas vorbereitet haben, etwas ausgebrütet, in denen etwas gewachsen ist. Ich habe das gerne verfolgt.

Das Besondere an diesem schmalen Roman ist, dass es Theres Essmann schafft, eine derartige Stimmung zu erzeugen. Die ganze Zeit über liegt etwas in der Luft, das Rätsel aufgibt – und das ich unbedingt durchschauen wollte. Ich bin durch das Buch geflogen – und habe mich doch immer wieder gebremst, um keinen subtilen Hinweis zu überlesen, denn davon gibt es viele. „Schwarzer Schwan“ ist kein Buch zum Überfliegen, es ist eines, das wirklich gehört und gedeutet werden will.

Die Autorin schreibt präzise, oft in kurzen Sätzen. Manches wird angedeutet, wenig erklärt, vieles bleibt unausgesprochen. Ich mag ihren Stil, bei dem selbst Schweigen bedeutungsvoll wirkt, und dass sie es schafft, die richtige Mischung aus Geheimnis und Nähe zu finden.

Fazit

„Schwarzer Schwan“ ist ein geheimnisvoller Roman, der zwischen den Zeilen gelesen werden will, weil seine Stärke im Ungesagten liegt. Melancholisch, aber mit einem versöhnlichen, hoffnungsvollen Ende.

Zusammenfassung Schwarzer Schwan von Theres Essmann 

Dieses Buch ist für dich, wenn du

Schwarzer Schwan - Theres Essmann

Schwarzer Schwan – Theres Essmann

Originaltitel: Federico Temperini

Verlag: Dörlemann 

Erschienen: 17.07.2025 

Seiten: 144

ISBN: 978-3-03820-171-7

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