In „Unaufhaltsam ehrlich“ von Catherine Ryan Hyde verarbeitet Student Michael seine eigene Verletzlichkeit, indem er andere über Körper, Selbstbild und Scham sprechen lässt.
Werbung, da Rezensionsexemplar
Inhalt
Michael war sieben, als er sich bei einem Feuerwerksunfall Verletzungen zuzog, die ihn bis heute zeichnen. Als der 19-Jährige auf Robert Dunning trifft, der seine Narben nicht versteckt, sondern vor dem Publikum des Hörsaals offen anspricht, verändert sich alles: Er vertraut sich dem Professor an – und wie von selbst fällt ihm das Thema für den Film, der am Ende des Seminars benotet wird, zu. Er entscheidet sich, eine Dokumentation über Menschen zu drehen, die Probleme mit ihrem Aussehen haben – und lernt so Madeleine kennen, die ihm nicht nur eine Idee davon gibt, weshalb er eine so große Wut auf seine Eltern verspürt, die ihn ein Jahr nach dem Unfall weggaben.
Das Problem mit der Selbstwahrnehmung
Michael hat Narben. Vor allem an den Oberschenkeln, wo ihm Haut entfernt wurde, um sie auf seinen Oberkörper zu transplantieren. Sein Leben lang hat er sie versteckt gehalten – bis Professor Dunning eine völlig andere Strategie vorführt:
"Ihr Leben wird Ihnen selbst gehören, wenn Sie tun können, was ich heute getan habe. Sich vor eine Gruppe von Leuten stellen und sagen: 'Das bin ich. Gewöhnt euch dran.'"
Unaufhaltsam ehrlich, eBook, Pos. 251
Sofort verfällt er der Idee, will sie in einem Film verarbeiten. Hierfür sucht er Freiwillige – und stellt fest, wie viele Menschen Probleme mit ihrem Aussehen haben. Ein Thema, das uns irgendwie alle betrifft.
Ich bin zwiegespalten
Als ob!
Ich wollte schon ewig ein Buch der Autorin lesen, vor allem mit „Ich bleibe hier“ habe ich geliebäugelt. Nun wurde es „Unaufhaltsam ehrlich“, ein Titel, der förmlich nach mir schreit. Tatsächlich behandelt der Roman wichtige Themen; die Menschen sagen und tun Dinge darin, die ich liebe. Ich hätte die Story abfeiern müssen. Ich konnte es aber nicht. Und ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht:
Starten wir bei den Interviewten. Sie melden sich schnell, öffnen sich sofort bzw. verlieren nach Sekunden ihre Vorbehalte. Es gibt viele Geständnisse, quasi alles wird ausgesprochen, ausnahmslos. Das ist schön, aber in meinem Kopf hörte ich die ganze Zeit diese Stimme, die flüsterte: „So läuft das nicht“. Ich meine, es ist nicht falsch, jedoch fehlte mir die Glaubwürdigkeit, die Reibung, vieles läuft allzu glatt ab. Vieles, nicht alles: Gerade rund um Madeleine hätte sich Michael einen anderen Ausgang gewünscht. Doch auch hier verfiel die Geschichte für mich ins Unglaubliche, weil der Protagonist nicht hört, was wir alle hören. Ja, sicher, Verleugnung usw., aber dennoch. Es trübte meine Lesefreude, ich konnte nicht recht mitfühlen.
Ich hatte oft das Gefühl, die Menschen spielen eher eine Rolle, als dass sie echt sind. Sie vermitteln etwas, nicht nebenbei, sondern offensichtlich. Auch die Tatsache, dass alles erklärt wird, störte mich. Ohne solche Nachsätze wäre das Buch stärker. Die Gefahr, dass die Botschaft nicht ankommt, besteht nicht, sehr wohl die allerdings, dass man die Geschehnisse nicht ernst genug nehmen kann. Zudem ist der Schreibstil sehr einfach und die Dialoge wirkten oft gestellt.
… aber!
Trotzdem habe ich den Roman gern gelesen. Er liest sich locker und leicht weg, behandelt dabei Themen wie Selbst- und Fremdwahrnehmung, Akzeptanz. Oh, und: Keine Rechtfertigungen!
Der Text hat mich nicht kaltgelassen, weil ich den Kern mochte, die Umsetzung gefiel mir nicht durchgehend, doch es gibt durchaus Ausnahmen. Ich möchte zwei nennen, erstens, ein Zitat:
"Immer, wenn jemand einem anderen vorwirft, zu sensibel zu sein, höre ich: 'Ich will die Freiheit haben, beleidigende Dinge zu dir zu sagen, und es ist mir wirklich lästig, wenn dir das was ausmacht.'"
Unaufhaltsam ehrlich, eBook, Pos. 3448
Es ist nicht so, dass ich nicht schon Ähnliches gelesen hätte, aber es machte etwas mit mir.
Zweitens, die Hörsaal-Szene nach Abspielen des Films, als sich nach Michaels Freundin erkundigt wird: Die Stimme ist zögerlich, vorsichtig, so als wird mit diesen Worten wirklich etwas riskiert. Die Person stellt eine mutige, kluge Frage, sagt eben nicht das, was gerade passend erscheint, sondern wagt sich vor. Eine zutiefst menschliche Aktion, die für einen Moment der Irritation sorgt. Hier spürte ich dieses echte Stocken, diese rohe Situation, die nicht glatt und lehrreich endet, die sich wahr anfühlt. Das kriegte mich. Ehrlichkeit ist immer ein Risiko, ob das nun so sein sollte oder nicht, und das kam mir in den überwiegenden Szenen zu kurz.
Fazit
„Unaufhaltsam ehrlich“ ist ein thematisch starker Roman, der in meinen Augen gewonnen hätte, wenn er mehr Unsicherheit zugelassen und häufiger auf Erklärungen verzichtet hätte.
Zusammenfassung
Dieses Buch ist für dich, wenn du
- leicht zugängliche, emotionale Romane magst
- dich für Themen wie Körperbild, Akzeptanz und Ehrlichkeit interessierst
- keine Angst vor Büchern hast, die erklärend und lehrreich sind
Unaufhaltsam ehrlich – Catherine Ryan Hyde
Originaltitel: Michael Without Apology (2025)
Übersetzung: Marion Plath
Verlag: Tinte & Feder
Erschienen: 20.01.2026
Seiten: 320
ISBN: 978-2496740059
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