Meine Berge bist du – Francesco Vidotto

Meine Berge bist du - Francesco Vidotto

In „Meine Berge bist du“ geht es um Worte, die gesagt werden müssen, aber nicht ausgesprochen werden können, um eine respektvolle Liebe – bis zum Schluss.

Bewertet mit 3.5 von 5

Werbung, da Rezensionsexemplar

Inhalt

In einer Herbstnacht bietet Francesco Guido Contin, genannt Cognac, einen Unterschlupf vor dem Sturm. Dabei entdeckt der alte Mann das Foto, das Francesco beim Klettern auf dem Pian dei Ciavai gefunden hat – und erkennt Celeste, die Frau von Santo. Dessen Bruder Onesto hat Briefe an die Berge geschrieben, in denen Celeste immer Thema war. Beim nächsten Treffen zieht Cognac eine Mappe hervor – und gemeinsam lesen sie Onestos Aufzeichnungen. Warum besitzt der Mann die Briefe? Was ist damals geschehen? Francesco taucht tiefer ein in die Verbindung um die Zwillinge Santo und Onesto sowie Celeste – und wird am Ende selbst zu einem Bindeglied dieser Geschichte.

Die Zwillinge und das Mädchen

"Wenn du etwas gar nicht mit deinem Bruder teilen kannst", sagte er, "musst du es ihm einfach überlassen."

Der Roman besteht aus der Rahmenhandlung um Francesco und Cognac. Als der Erzähler das Foto, das der Berg die ganzen Jahre über – wie ein Speicher – bewahrt hat, beim Klettern findet, kann er wenig damit anfangen. Erst der alte Mann bringt Licht ins Dunkel – und die Briefe zum Vorschein, die Onesto an die Berge schrieb. Onesto ist der Zwillingsbruder von Santo, sie waren in der Kindheit eine Zeit lang voneinander getrennt – und danach unzertrennlich. Als Celeste in ihr Leben tritt, sind beide hin und weg von dem Mädchen. Doch Onesto ist zurückhaltender, er lässt seinem Bruder das Glück – und vertraut sich in seinen Zeilen niemandem als den Bergen an.

Die Berge

Die Berge sind hier viel mehr als ein bisschen Natur. Sie stehen für Beständigkeit, Stummheit, Gedächtnis und Widerstand gegen das Vergessen. Sie sind lebende Kenotaphe, um beim Buch zu bleiben. Dass gerade Onesto seine Briefe an sie adressiert, überrascht nicht: Er, der Junge, der entführt und später zurückgebracht wird, ist natürlich auf der Suche nach etwas, das konstant ist. Seine Worte enthalten Wahrheiten, die unausgesprochen bleiben müssen, da er seinen Zwillingsbruder Santo nicht verletzen will. Er schreibt, ohne eine Antwort zu wollen, denn nichts wird seine Misere auflösen. Ein Berg ist ein stiller Zeuge, niemand der sich einmischt, widerspricht, relativiert, urteilt. Niemand, der sich entzieht oder abwendet.

Ein Spiel mit der Wahrheit

Der Autor verteilt Hinweise, die man zum Anlass nehmen könnte, zu glauben, die Geschichte sei tatsächlich passiert. Es fängt in der Widmung an: Er nennt mehrere Menschen, teils Familie – und mit etwas Abstand Guido Contin, genannt Cognac. Die Frage, ob Guido Contin eine reale Person ist, kommt auf – und auch wenn sie letztlich nicht von Bedeutung ist, wird sie verstärkt, etwa wenn er sich bei ihm entschuldigt oder ihn in der Danksagung erwähnt. Dazu kommt der Erzähler, anfangs ein Junge, später der Mann, der Contin trifft und mit ihm die Briefe von Onesto liest: Francesco. Francesco? Francesco Vidotto? Hat es etwas von einem autofiktionalen Buch? Immer wieder wird die Realität mit einbezogen, beispielsweise wenn er sich auf die Suche nach Onesto macht und zwischendurch zu einem Interview geht.
Der Roman behauptet, die Briefe hätten existiert, seien in einem Dialekt geschrieben worden, auch eine Fußnote weist darauf hin. Apropos Onesto: Übersetzt bedeutet das ehrlich – und tatsächlich hält er viel davon. Genau dieses Thema nutzt der Autor. Er spielt mit der Wahrheit. Das kann funktionieren, lädt die Geschichte auf eine interessante Weise auf. Ich habe bis zuletzt gerätselt, wie viel Wahrheit in den Seiten steckt – und ich glaube, die Antwort ist schwieriger, als man denkt. Im Prinzip geht es nicht darum, wer wer ist, sondern was bleibt. So ist es auch mit dem Titel:

Meine Berge bist du

Der Name des Buches ist das eine, die Auslegung eine andere.

Bevor ich den Roman begonnen habe, dachte ich: Okay, das wird unwahrscheinlich romantisch und womöglich kitschig, aber hey, ich habe Bock drauf. Die Geschichte bringt allerdings etwas ganz anderes. Es geht um das, was bleibt. Um Liebe, ja, jedoch nicht um die klassische, sondern um die stille, ja, in erster Linie sogar um Verzicht, ohne daran zu zerbrechen. Um Nähe, ohne jemanden/etwas besitzen zu wollen. Berge – man kann in ihrer Nähe bleiben, zu ihnen aufschauen und akzeptiert damit zugleich Schweigen und Distanz. Das ist, was hier passiert. Aus seiner Sicht: Ich bleibe, ohne dich festhalten zu wollen. Und am Ende, ich möchte nichts vorwegnehmen, aber da geht es zwangsläufig darum, dass dieses „du“ das ist, was bleibt, wenn man unerreichbar wird, weil man sich selbst verliert. Das macht den letzten Brief so stark.

Zeilen, die kein Mensch so schreiben würde

Ich war allerdings nicht mit jedem Brief einverstanden. Am stärksten fiel mir mein eigener Widerstand in den Zeilen von Celeste an Santo auf. Sie schreibt unter anderem über etwas, das sie beide zusammen erlebt haben – und sie tut es in allen Einzelheiten, benennt, was er gesagt und getan hat, was sich abgespielt hat, das Wetter, alles. Es war am Montag der vergangenen Woche und er war dabei, er weiß das noch. Aber wir – wir wissen es nicht. Und deshalb wird es geschildert. Diese offensichtliche Informationsweitergabe sollte so jedoch nicht passieren. Der Roman büßt hier an Glaubwürdigkeit ein und wirkt allzu konstruiert. Die Briefe an die Berge funktionieren, der Brief von Celeste am Ende auch, aber dieser hier hätte in meinen Augen anders sein müssen.

Wenig überraschend, doch fesselnd

Dazu kommt, dass die Figuren an mehreren Stellen auf dem Schlauch stehen. Ich bin nicht sicher, ob der Roman überraschen oder nur bestätigen will. Sollte Ersteres der Fall sein, ist er bei meinem Leseerlebnis mehrfach gescheitert, denn ich habe die Enthüllungen kommen sehen. Auf wirksame Plot-Twists sollte man nicht hoffen.

Es waren widerstreitende Gefühle in mir, denn ich wollte – wie Francesco – unbedingt weiterlesen. Ich mochte den Schreibstil, der Autor schreibt einfach, klar und ruhig, manchmal zart und manchmal roh, in kurzen Sätzen und wiederkehrenden Bildern. Ich habe ihn gern gelesen, wenn auch weniger dann, wenn er Gefühle benennt, statt sie zu zeigen oder Zeilen als Brief verkaufen möchte, die eher der Leserinformation dienen. Auch die Botschaft punktet, genau wie die vielen kleinen Details, die allzu gut passen (mir gefällt beispielsweise sehr, dass Cognac, der Weichensteller, in einem alten Streckenwärterhäuschen lebt). Die Zufälle muss man eben hinnehmen.

Fazit

Das ist so ein Roman, über den ich ewig sprechen könnte: vielschichtiger als man vermutet, wenig überraschend, doch fesselnd. Er wirft viele Fragen auf, beantwortet nicht alle – und beschäftigt lange.

Zusammenfassung Meine Berge bist du

Dieses Buch ist für dich, wenn du

Meine Berge bist du - Francesco Vidotto

Meine Berge bist du – Francesco Vidotto

Originaltitel: Onesto (2025)

Übersetzung: Mirjam Bitter und Walter Kögler 

Verlag: Kein & Aber

Erschienen: 13.04.2026

Seiten: 224

ISBN: 978-3-0369-5093-8

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