Mitternachtsweg – Benjamin Lebert

Mitternachtsweg - Benjamin Lebert

„Mitternachtsweg“ von Benjamin Lebert ist eine (harmlose) Geistergeschichte, die rätselhaft, verwirrend und seltsam fesselnd daherkommt.

3/5

Inhalt

Peter Maydell, pensionierter, aber weiterhin an zwei Tagen pro Woche tätiger Redakteur bei der Lübecker Zeitung, bekommt – mal wieder – Post von Johannes Kielland, einem Studenten, der eine Vorliebe für mystische Geschichten hat. In dem Manuskript, das er schickt, erzählt Kielland von einer Frau Namens Helma Marie Brandt. Dass sein Begleitschreiben wie ein Abschiedsbrief klingt, ist nicht das Einzige, das Maydell aufschreckt.

Heimstätte für Heimatlose

Ich habe mich schwergetan mit der Suche nach einem neuen Buch. Nach X angelesenen Romanen, von denen mich keiner fesseln konnte, bin ich auf „Mitternachtsweg“ gestoßen – und fand den Einstieg gelungen. Der Prolog ist wunderbar mysteriös, auch die ersten Kapitel um die Postsendung und den 1855 entstandenen Sylter Seemannsfriedhof reizten mich. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt, aber ich war bereit, es herauszufinden.

Peter Maydell und Johannes Kielland

Peter Maydell und Johannes Kielland haben sich bisher ein einziges Mal getroffen, stehen durch Kiellands unverlangte Zusendungen aber in regelmäßigem Kontakt.

Maydell, pensionierter Redakteur, ist ein Romantiker, der eine Schwäche für Gedichte hat. Kein Wunder, dass er anbeißt, als er Kiellands Schreiben erhält:

"Aber ganz egal, was mit mir geschieht, welches Ende mir persönlich in dieser Geschichte zufällt, letztlich scheint mir nur eines von Bedeutung zu sein: dass es sich hierbei um eine große Liebesgeschichte handelt."

Kielland, ein Geschichtsstudent und Spielwarenverkäufer, der stets in Schwarz unterwegs ist, sammelt ungeklärte Geschichten mit gruseliger Note. Diese hier erweckt seine Aufmerksamkeit, weil nur bis 1905 angespülte Seeleute auf dem Sylter Seemannsfriedhof in Westerland begraben wurden. Doch 2005 gab es eine Ausnahme.

Ein Handschuh

Kielland beginnt zu recherchieren und erfährt, dass der Tote, ein junger Mann, der an den Strand von Westerland gespült wurde, eine Besonderheit aufwies: Er trug einen schwarzen Handschuh an der linken Hand. Er erwähnt dieses Detail in seinem Artikel, der in der Lübecker Zeitung gedruckt wird – und lernt dadurch eine Frau kennen, die mehr zu dem unversehrten Handschuh unbekannten Materials sagen kann – und zu dem Toten.

Helma Marie Brandt

Kielland trifft die rätselhafte Helma Marie Brandt, die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren, die Schönheit, die ihm weitere Informationen geben kann – und nicht nur das.

Das Ganze spielt sich im Sommer 2005 ab. Wir erfahren davon, weil Kielland alles in seinem Manuskript festhält, das er 2006 an Maydell schickt. Doch es gibt noch eine dritte Zeitebene:

1939

Wir lesen, wie ein Hamburger Goldschmied einen Pastor, mit dem er den Ersten Weltkrieg überlebte, aufsucht. Er soll ihm helfen, seinen ältesten Sohn, dessen Künstlerfreund inhaftiert wurde, vor den Nazis und Denunzianten zu verstecken. Der Pastor hat eine Idee: Er wird den 19-Jährigen zu einem Freund bringen, der auf Sylt eine Schankwirtschaft führt.

Im Verlauf kommt hier auch der Titel ins Spiel: Wenn in der Mittsommernacht ein Paar auf das Wattenmeer hinausläuft, um den Mitternachtsweg zu gehen, wird seine Liebe durch die Elemente besiegelt.

Geistergeschichte

Die Geschichte spielt sich zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten ab. Wir springen hin und her zwischen den Perspektiven (und auch ein wenig zwischen Diesseits und Jenseits). Es ist etwas verwirrend, ich wollte das Buch kurzzeitig abbrechen, weil es mir zu unstet war. Letztlich war ich aber zu gefesselt, wollte wissen, wie alles zusammenhängt, was es mit dem schwarzen Handschuh und dem Toten auf sich hat. Im Übrigen harmonisiert das Verworrene besser, als ich dachte: Wie sich herausstellt, handelt es sich bei „Mitternachtsweg“ um eine Geistergeschichte.

Worum es dabei genau geht, verrate ich nicht. Aber die Atmosphäre ist passend.
Das Wetter, das die Melancholie unterstreicht, schafft dem regennassen Kielland eine Handlungsmöglichkeit. Formulierungen wie „Man hatte ein Gefühl, als sei vor kurzem ein Schrei in diesen Räumen verhallt.“ (eBook, 30,7 %) erzeugen eine finstere Stimmung – nichts zum Fürchten, keine Sorge, eher angenehm dunkel und geheimnisvoll.

Fazit

„Mitternachtsweg“ ist eine rätselhafte, verwirrende und seltsam fesselnde Geschichte mit so manch schönem Satz. Die Personen werden mir nicht in Erinnerung bleiben. Und falls etwas ernstlich Gruseliges geplant war, ist das fehlgeschlagen. Aber insgesamt ist es ein nettes Buch.

Mitternachtsweg - Benjamin Lebert

Mitternachtsweg – Benjamin Lebert

Verlag: Hoffmann und Campe

Erschienen: 12.08.2014

Seiten: 240

ISBN: 978-3-455-40437-1

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