Schlafes Bruder – Robert Schneider

Schlafes Bruder - Robert Schneider

„Schlafes Bruder“ ist ein Klassiker aus dem Jahre 1992. Es geht um Johannes Elias Alder, ein außergewöhnliches Talent, dessen Leben, das steht von Anbeginn an fest, nicht zu retten ist. Ein Roman, der mich gepackt – und verstört hat.

4.5/5

Inhalt

An dieser Stelle lasse ich den gelungenen ersten Satz für sich sprechen:

"Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen."

Im bäuerlichen Eschberg

Die Geschichte spielt in dem österreichischen Örtchen Eschberg. Es ist ein Bergdorf in Vorarlberg, mitnichten ein Idyll, in dem nur die Nachnamen Lamparter und Alder existieren. Ja, die störrischen, wenig vermögenden und eher ungebildeten Charaktere sind alle miteinander verwandt – Inzucht ist ein Thema des Buches, steht aber nicht im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt steht Elias, dessen Leben nicht zu retten ist.

Ein Alleingelassener

Der Protagonist des Buches, Johannes Elias Alder, wird im Jahre 1903 geboren. Von Anbeginn an hat er schlechte Karten, denn seine Stimme entspricht einem hohen Pfeifen, das die Menschen kaum ertragen können. Im Alter von fünf Jahren verschärft ein Erlebnis im Bachbett der Emmer seine Außenseiterstellung: Seine Augen verändern sich, sein Hörsinn und Wachstum geraten durcheinander. Er wird zu einem „Mannkind“, einem Gemiedenen und Weggesperrten, dessen einziger Halt die Kinder seines Onkels sind. Nulfs Sohn Peter ängstigt sich nicht, sondern ist fasziniert von Elias. Und für Peters Schwester, die (auch durch Elias‘ vorzeitige Alterung) deutlich jüngere Elsbeth, fühlt er nichts als Liebe.

Obwohl er ein unglaubliches Talent an der Orgel beweist, darf er keine Noten lernen. Auch diese Leidenschaft muss er im Verborgenen ausleben.

Johannes Elias Alder ist jemand, der alleingelassen wird – von allen. Von seiner Familie, von Gott. Allgemein ist Religion ein Thema innerhalb des Buches – besonders gut kommt sie nicht weg, Anklage gegen Gott inklusive.

„Schlafes Bruder“ ist eine grausame Story. Nicht nur das Schicksal der Hauptfigur ist schwer zu ertragen, auch die abscheulichen Szenen verlangten mir einiges ab.

Aufbau/Schreibstil

Wie der erste Satz beweist, gibt es Vorwegnahmen – und zwar viele. Das erste Kapitel stimmt auf einer einzigen Seite auf den Inhalt ein, anschließend folgt „Das letzte Kapitel“, das das Ende des Dorfes vorwegnimmt. Ich mochte das, genau wie die Tatsache, dass wir von den wichtigsten Personen erfahren, wie es mit ihnen jeweils weitergeht.

Die Geschichte wird aus der Wir-Perspektive von einem Erzähler erzählt, der alles weiß – und sich auf die Seite des Protagonisten schlägt. Er würdigt das übergroße Talent von Elias, das in vielen Neid hervorruft. Der eher liebevolle Ton, den er anschlägt, wenn es um die Hauptfigur geht, nimmt etwas von der Härte, die sich durch das Buch zieht. Auch der Leserschaft gegenüber ist er freundlich gesinnt, auf Seite 202 wird der Leser als „ein guter Freund“ bezeichnet.

Ich mochte den eher altmodischen Schreibstil überaus gern. Der Roman hat mich gepackt, ich konnte nicht aufhören, zu lesen. Im Gegensatz zu den Figuren hat der Autor die richtigen Wörter gefunden, wobei man eventuell einige nachschlagen muss. Ich habe meine Ausgabe (leider älter, ohne Nachwort) aus dem Bücherschrank – und neben Markierungen (an sinnvollen Stellen, yay) gibt es die eine oder andere „Übersetzung“.

Eine Warnung zum Schluss, falls es noch nicht deutlich wurde: Man sollte auf abscheuliche Schilderungen eingestellt sein. Meine zarte Seele ist definitiv nicht an jedem Tag in der Verfassung für dieses Buch.

Fazit

Elias hört Schnee fallen – doch sein eigenes Talent ist dazu verdammt, ungehört zu bleiben. Er liebt leidenschaftlich, obwohl er nie wahre Zuneigung erfahren durfte. „Schlafes Bruder“ ist ein Roman, der mich gepackt und sprachlich begeistert hat, aber auch ein brutaler und verstörender, einer, den man aushalten muss.

Schlafes Bruder - Robert Schneider

Schlafes Bruder – Robert Schneider

Originaltitel: –

Übersetzung: –

Verlag: Reclam

Erschienen: 03.02.2020 (1993)

Seiten: 212

ISBN: 978-3-15-020567-9

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Deine Meinung

2 Kommentare

  1. Schönen guten Morgen!

    Ich hatte dir ja geschrieben dass ich die Verfilmung damals gesehen hatte, aber kaum noch Erinnerungen da sind. Nur an eine schwermütige Stimmung und vom Gefühl her genau das, was du mit Worten beschreibst.
    Es hört sich jedenfalls nach einem sehr starken Buch an – aber ich muss gestehen dass ich mittlerweile solche Bücher meide. Mich mit so schweren Schicksalen auseinander zu setzen tut mir grade nicht gut bzw. möchte ich nicht. Auch wenn es echt gut umgesetzt klingt!

    Vielen Dank für deinen Einblick!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Danke für deinen Kommentar. :)

      Ich kann das sehr gut verstehen. Lesen soll ja Spaß machen und wenn man nicht in der Verfassung für Bücher wie dieses ist, ist das absolut okay. Immer und ausschließlich könnte ich das auch nicht lesen. Früher habe ich nur Krimis und Thriller gelesen, inzwischen brauche ich ab und an auch etwas fürs Herz oder wenigstens etwas „Neutrales“.

      Liebe Grüße

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