Was vom Tage übrig blieb – Kazuo Ishiguro

Inhalt

Stevens ist Butler durch und durch. Er dient schon ewig in Darlington Hall. Vor 20 Jahren verließ die Haushälterin Miss Kenton das Herrenhaus, um sich zu vermählen und nach Cornwall zu gehen. Stevens hat das in „Was vom Tage übrig blieb“ hart getroffen. Rein beruflich, versteht sich. Als Stevens nun in einem Brief von ihr erfährt, dass ihre Ehe gescheitert ist und sie Darlington Hall vermisst, trifft er eine Entscheidung: Er nimmt das Angebot seines Dienstherrn, dem Amerikaner Mr. Farraday, an. Weil dieser für fünf Wochen in die Vereinigten Staaten reisen will, hat er Stevens angeboten, sein Auto zu nutzen und England zu erkunden. Doch Stevens will nichts erkunden, er hat ein ganz bestimmtes Ziel: Er will Miss Kenton treffen. Kann sie sein Personalproblem lösen – und zurückkommen?

Der Protagonist

Stevens lebt dafür, Butler zu sein – und zwar einer der großen, einer mit Würde, wie sein Vater seiner festen Überzeugung nach einer war. Er nimmt seine Aufgaben ernst, weiß, dass er wichtig ist, hatte stets das Gefühl, großen Entscheidungen in Darlington Hall beigewohnt zu haben. Für ihn sind Dinge wie Pflichterfüllung, Professionalität und Loyalität die wichtigsten überhaupt. Deshalb fuchst es ihn so, dass ihm in letzter Zeit Fehler unterlaufen. Er hat sich zu viel zugemutet und bezahlt nun mit kleinen Versehen dafür. Ein neuer Personalplan muss her. Dabei denkt er an Miss Kentons Brief und ihre frühere Arbeit als Haushälterin. Also macht er sich im Jahre 1956 – sehr untypisch für ihn – auf den Weg zu ihr – und, ohne es zu beabsichtigen, auch ein bisschen zu sich selbst…

Der zurückhaltende Stevens tritt als Ich-Erzähler auf. Wir verfolgen viele innere Monologe. Der Butler macht sich unfassbar viele Gedanken über Winzigkeiten, kleine und größere Dinge. Seine Gefühle stellt er stets zurück, ganz egal in Bezug auf wen oder was. Auch wenn er unnahbar auftritt, war er mir sympathisch. Ich konnte mit ihm fühlen – oder besser gesagt: Ich konnte für ihn fühlen, schließlich hat er es nicht so damit, sich seine wahren Gefühle einzugestehen und vor allem danach zu handeln und zu leben.

Ich fand ihn grandios gezeichnet.

Mittendrin

Stevens ist ständig bemüht, sein Verhalten zu rechtfertigen, indem er Verständnis für seine Gedanken und Entscheidungen erbittet. Ich habe mich tatsächlich involviert gefühlt. Er wirkt so echt, dass ich mir, wenn ich in einem ewig langen Satz gedanklich abzuschweifen drohte, fast ein bisschen unhöflich vorkam. Das klingt jetzt witzig – und so fand ich das selbst auch, als es mir auffiel, aber es verdeutlicht vor allem, wie ernst ich Stevens genommen habe und wie sehr ich die vorherrschende Atmosphäre spüren konnte. Der Autor hat all das wirklich wahnsinnig gut rübergebracht. Auch die melancholische Stimmung hat mich erreicht.

Fragen

„Was vom Tage übrig blieb“ wirft einige Fragen auf. Was ist Würde, worum geht es dabei? Was ist wirklich wichtig im Leben? Wo darf, wo muss Loyalität enden? Wie viele Chancen darf man verstreichen lassen, ohne zu wissen, ob noch eine kommt?

Man wird selbst zum Nachdenken gebracht. Setzen wir die richtigen Prioritäten? Sehen wir genau hin – oder auch mal weg? Sind wir ehrlich zu uns selbst? Stehen wir zu unseren Gefühlen – oder laufen wir vor ihnen davon?

Es gibt noch sehr viel mehr Fragen, die aufkommen, und ganz viel, das man interpretieren kann.

Berührend

Das Buch hat vieles in mir ausgelöst. Es war auch so vieles. Manches fand ich befremdlich, anderes absolut nachvollziehbar. Ich hatte oft Verständnis – und manchmal überhaupt keins.

Bestimmte Szenen zwischen Vater und Sohn haben mich sehr berührt. Die Art, das, was man da liest, war für mich einerseits fast unvorstellbar – und andererseits war es das auch nicht. Weil ich es mir nämlich problemlos vorstellen konnte. Auch wenn das wirklich schmerzlich war.

Die Entwicklungen zwischen Stevens und Miss Kenton haben mich gekriegt. Ich habe sie mit Spannung verfolgt und wollte vor allem wissen, wie alles ausgeht. Denn es ist ja schon mehrfach vorzeitig bitter ausgegangen. Wird sich die Reise für Stevens lohnen? Was wird passieren?

Stil

Kazuo Ishiguros Stil in „Was vom Tage übrig blieb“ ist ein ganz besonderer. Die Sprache klingt altmodisch und vornehm, die Sätze sind oft lang, verschachtelt und wirken verkompliziert. Ich habe gefühlt noch nie ein Buch mit so vielen Kommata gelesen. Auch Gedankenstriche mag der Autor – ein Umstand, den wir in jedem Fall gemeinsam haben. Es wird sicher nicht allen Leser*innen gefallen, wie Ishiguro schreibt. Ich fand es passend und mochte den Stil des mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Schriftstellers sehr gern, auch wenn ich gezwungenermaßen ziemlich langsam gelesen habe.

Apropos langsam. Die Geschichte wird durch Erinnerungen, innere Monologe und eine Art Reisetagebuch durch einen oft abschweifenden Grübler erzählt. Das sorgt nicht gerade für Tempo. Manchmal musste ich auch meinen eigenen Fokus zurückholen, der sich während der x-ten Abzweigung verabschieden wollte. Wer eine flott erzählte Story sucht, ist hier an der falschen Adresse. Mich hat das insgesamt aber nicht gestört, weil ich genug Anreize hatte, weiterzulesen, und auch immer sofort wieder zurückgefunden habe.

Film

Der Roman wurde verfilmt. Anthony Hopkins und Emma Thompson haben die Hauptrollen übernommen. Ich werde den Film auf jeden Fall anschauen und bin gespannt, inwieweit er mit dem Buch mithalten kann.

Fazit

„Was vom Tage übrig blieb“ ist eine sehr ruhig und subtil erzählte Geschichte, die man verfolgt, weil man unbedingt wissen möchte, ob Butler Stevens es nicht doch noch bereut, alles, was er hatte, in seine Arbeit gesteckt und sein ganzes Vertrauen ergeben in seinen umstrittenen Dienstherrn gesetzt zu haben. Was wird er aus der Vergangenheit mitnehmen, wie wird seine Zukunft aussehen? Rührend, tiefgehend, zum Nachdenken anregend. Sehr speziell geschrieben. Ich habe auch in meinen Lesepausen viel an das Buch gedacht, es hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

4,5/5!

Was vom Tage übrig blieb: Roman

288 Seiten / ISBN: 978-3-89667-640-5 / Übersetzung: Hermann Stiehl


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