Ein Buch über Würde im Alter: „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ von Lisa Ridzén.
Inhalt
Der 89-jährige Bo hat schon vieles verloren. Seit drei Jahren lebt seine Frau Fredrika im Demenzheim, er ist mit seinem Hund Sixten zurückgeblieben – und den will ihm sein Sohn Hans nun nehmen. Ohne seinen treuen Gefährten kann er sich das Leben nicht vorstellen. Er will kämpfen – doch wie viel Kraft hat man im Alter noch?
Ein alter Mann
Ich mochte Bo. Er denkt ständig an seine Frau und bewahrt ihren Lieblingsschal in einem Einweckglas auf, um ihren Duft zu bewahren. Dass er den Behälter allein nicht aufbekommt, ist nur eines der Dinge, die ihm vor Augen führen, dass er nicht mehr so kann, wie er will.
Er teilt sich seine Küchenbank mit Sixten, der treu an seiner Seite bleibt. Die Spaziergänge sind beschwerlich, doch er gibt sein Bestes, um den Auslauf zu ermöglichen. Ingrid vom Pflegedienst tut ihr Übriges. Aber reicht das? Wer bestimmt, ob Sixten bleibt – Bo oder Hans? Hier liegt der Kern des Buches:
Würde im Alter
In „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ geht es um mehr als die emotionale Frage, was mit dem Tier passiert: Wer entscheidet, wenn man alt und gebrechlich ist – man selbst oder die Menschen, die meinen, es besser zu wissen?
"Ich will aufstehen, mit der Faust auf den Tisch schlagen und brüllen, dass ich verflucht noch eins tun und lassen kann, was ich will. Dass ich der Kapitän meines Schiffs bin. Aber ich lasse es bleiben. Weil ich kein Kapitän bin. Ich bin ein Bündel, festgezurrt auf einem Schiff auf hoher See."
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen, S. 203
Ich bin gerade in der Situation, diesen Roman etwas zu gut zu verstehen, nämlich dadurch, dass ich viel Einblick in Bos Gedanken und Gefühle erhalten habe und ihm sehr nah war. Und andererseits deshalb, weil meine Oma jeden Tag mehr Kontrolle abgeben muss und ich das miterlebe. Da treffen solche Sätze anders. Ja, das Buch hat mich mitgenommen.
Vater-Sohn-Konflikte
Hans will ihm den Hund wegnehmen. Oder auch: Hans macht sich Sorgen, dass Bo im Wald stürzen und hilflos liegen bleiben könnte. Es gibt zwei Perspektiven – und Hans hat allgemein zwei Seiten: Einerseits spricht er offen mit seiner Tochter, umarmt sie oft. Andererseits ist da eine Distanz zwischen ihm und Bo, die ein anderes Bild zeichnet.
Bo, das spürt man sofort, denkt oft an die Vergangenheit. In der Gegenwart passiert nicht mehr allzu viel: Der Pflegedienst kommt, er muss duschen und essen, nickt oft ein. Doch in seinen Erinnerungen ist alles los. Dort ist seine Frau Fredrika noch die Alte. Auch der Stachel, den sein Vater früh in ihm hinterließ, pikst täglich.
Auch darum geht es: Bo denkt emotional, der Sohn handelt rational. Durch seine Fürsorge verursacht Hans Schmerz. Bo wiederum kann nicht anders, als stur zu sein und mit Schweigen zu strafen. Distanz und Sprachlosigkeit ziehen sich durch Generationen – aber Bo ist jemand, der das trotz seiner Angewohnheiten nicht zulassen will, seinen Sohn nicht so zurücklassen möchte, wie er selbst zurückblieb. Dass er sich diesen Gedanken stellt, nicht die Augen verschließt und den einfachen Weg geht, finde ich stark.
Mehr als ein Tier
Alles eskaliert wegen Sixten. Für Bo ist er nicht nur ein Freund, er ist auch ein Symbol für seine Selbstbestimmung. Solange Bo in der Lage ist, für ihn zu sorgen, ist er nicht nur ein Pflegefall. Er hat Aufgaben, die er erledigen muss, Rituale wie Spaziergänge und das Füttern, die ihm Halt geben. Dadurch, dass Hans ihm den Hund wegnehmen will, nimmt er ihm seinen Alltag und alles, was er für andere – seinen Vierbeiner – tun kann. Wer ist er ohne ihn, ohne diese letzte Verantwortung?
Lisa Ridzén romantisiert das Alter nicht. Sie zeigt eindrücklich, wie man sich fühlt, wenn man „entmündigt“ wird – von Menschen, die keine bösen Absichten hegen. Das Leben bewegt sich ständig weiter – manchmal bringt es großes Glück und Freiheit, manchmal etwas, das wir gar nicht wollen. Und vielleicht besteht Würde manchmal darin, den Übergang anzunehmen.
Funktioniert emotional
„Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ ist einfach geschrieben und dadurch leicht zugänglich. Man sollte keine sprachlichen Höhenflüge erwarten, der Schreibstil ist eher schlicht und an Bos Bewusstsein angepasst. Daneben gibt es Eintragungen ins Pflegejournal, die knapp gehalten sind, uns aber einen Blick auf ihn von außen ermöglichen. Ich glaube, dass die Autorin hiermit einiges richtig gemacht hat, nicht umsonst handelt es sich um einen gut bewerteten Bestseller. Die Stärke liegt nicht in der sprachlichen Raffinesse, sondern darin, dass der Roman emotional funktioniert und Themen behandelt, die vielen vertraut sind (hilfebedürftige alte Person, überforderte Familie, gestresstes, manchmal kühl wirkendes Pflegepersonal, unterschiedliche Bedürfnisse).
Fazit
Ein einfühlsames Debüt über Würde im Alter, das ohne Kitsch auskommt und zeigt, dass die Vergangenheit zum wichtigsten Ort wird, wenn die Zukunft immer kleiner wird. Sprachlich zurückhaltend, aber berührend, weil es uns irgendwie alle betrifft: Wer entscheidet über unser Leben, wenn wir alt sind?
Zusammenfassung Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén
Dieses Buch ist für dich, wenn du
- leise und zurückhaltend geschriebene Romane magst
- damit klarkommst, dass Bos Gedanken oft in die Vergangenheit abschweifen
- Themen wie Demenz, Abbau und Sterblichkeit verträgst
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen – Lisa Ridzén
Originaltitel: Tranorna flyger söderut
Übersetzung: Ulla Ackermann
Verlag: btb, Penguin Random House
Erschienen: 21.01.2026
Seiten: 384
ISBN: 978-3-442-76296-5
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