30 Tage Dunkelheit – Jenny Lund Madsen

30 Tage Dunkelheit - Jenny Lund Madsen

„30 Tage Dunkelheit“ ist ein Kriminalroman, der auf eine Mischung aus Klischees, Humor und Überraschungen setzt.

3/5

Inhalt

Sie kann ihren Mund nicht halten, so ist sie eben. Doch der Satz „Jeder Idiot kann so einen Krimi in einem Monat schreiben!“ bringt der Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix, die von anspruchslosen Büchern wenig hält, eine Mammutaufgabe ein. Ihr Lektor schickt die Dänin in „30 Tage Dunkelheit“ nach Island, hier soll sie ihre Schreibblockade überwinden und ihre Behauptung untermauern. Dass in dem kleinen Fischerdorf kurz nach ihrer Ankunft ein Toter auftaucht, sorgt für Inspiration. Allerdings ist sie ganz schön nah dran am Geschehen – und womöglich sogar in Gefahr?

Einstieg

Ich bin kein Prolog-Fan, aber dieser ist spannend. Er hat mich neugierig gemacht, Fragen aufgeworfen. Er wirkt nicht überflüssig, denn der eigentliche Anfang ist für einen Kriminalroman recht ungewöhnlich, nämlich harmlos und komisch/belustigend.

Wir lernen die eigenwillige Protagonistin kennen, die 45-jährige Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix. Sie schreibt introspektive Prosa, Literatur, die mit Preisen ausgezeichnet, aber nur wenig gelesen wird. Obwohl es nicht ihr Ding ist, besucht sie die Buchmesse – und gerät mit dem gefeierten Krimiautor Jørn Jensen aneinander. Aus einem lautstarken Wortwechsel entsteht ein Deal: Hannah versichert vor Publikum, in einem Monat einen Krimi schreiben zu können – trotz der Tatsache, dass sie Krimis und all diesen leichtverdaulichen Kram ohne jegliche Originalität, bei dem man weder denken noch fühlen muss, verabscheut. Dass sie mitten in einer Schreibblockade steckt, erschwert das Vorhaben.

Von Kopenhagen nach Húsafjörður

Bastian, seit mehr als zehn Jahren Hannahs Lektor und bester/einziger Freund, ist sicher: Sie braucht Ruhe und die Natur, um schreiben zu können – und das gibt’s bei einer Freundin seiner Familie in einem 1.200-Einwohner-Fischerdorf in Island.

Ella, Ü60, spricht weder Dänisch noch Englisch und ist nicht weniger rätselhaft als die Protagonistin, nimmt Hannah freundlich bei sich auf. Das Ganze könnte idyllisch werden – würde nicht ein Toter auftauchen. Ein Toter, mit dem Ella verwandt ist.

Wurde die Kulisse genutzt? Ich muss ehrlich sagen: Ich finde nicht. Ja, die titelgebende Dunkelheit ist Programm. Die Geschichte spielt im November, es gibt teils starke Schneefälle. Aber da wäre meiner Meinung nach mehr drin gewesen.

Nicht ernstzunehmen

Vom Cover ausgehend, habe ich einen „gewöhnlichen“ Krimi erwartet. Mit ihrer harten, unangepassten Art würde sich Hannah gut einfügen. Allerdings handelt es sich um eine humorvolle Version. Wir haben hier eine Schriftstellerin, die Stoff für ein Buch eines ihr fremden Genres sucht, auf den Fall eines echten Toten stößt – und ermittelt. Ja, ernsthaft, sie ermittelt. Es gibt einen Dorfpolizisten, doch der hält sie nicht nachhaltig von ihren Recherchen ab. Immer wieder teilt er Erkenntnisse mit ihr. Es ist nicht ernstzunehmen. Das sollte vorm Lesen klar sein.

Daneben fallen die Klischees auf, nicht nur durch die alkohol- und nikotinsüchtige Schriftstellerin. Das ist gewollt, das merkt man, sie werden oft thematisiert. Ich mochte das nicht besonders.

Überraschender Ausgang

Empfand ich den Einstieg als originell und interessant, vermisste ich im Mittelteil die Spannung. Zwar gibt es die eine oder andere kleine Überraschung, aber in meinen Augen auch einige Längen. Das ändert sich beim Finale. Hier kann der Kriminalroman punkten.

Auf das Ende hätte ich nicht gesetzt. Ich mag unvorhersehbare Ausgänge, sofern sie stimmig erscheinen. Hier wirkt alles etwas überzogen, aber zum Rest passend.

Aufbau/Stil

Das Buch besteht aus 59 Kapiteln.

Wir verfolgen die Story aus Hannahs Sicht, ohne dass es eine Ich-Erzählerin gibt. Ich fand sie eher unsympathisch, wobei es sich zum Ende hin besserte. Sie ist „eine Marke“, nicht langweilig. Ihr Verhalten habe ich ihr dennoch oft nicht abgenommen. Der Leserschaft werden Gründe mitgeliefert, weshalb sie handelt, wie sie es tut. Ich fand diese wenig glaubhaft, etwa wenn sie „gezwungen“ ist, ihren verhassten Kollegen zu kontaktieren, oder sich nicht zutraut, mit einer Hand einen Flug zu buchen. Absurd. Beabsichtigt absurd.

Das „Ich muss unbedingt in jeder freien Sekunde lesen“-Gefühl kam nicht auf. Wenn ich mich aber zum Lesen aufraffte, blieb ich dran. Der Schreibstil sorgte dafür, dass ich trotz meiner Kritikpunkte durch die Seiten flog.
Durch Hannahs Art trifft man häufiger Formulierungen wie „fucking Keller“ oder „die verschissenen Bilder“ an. Das muss man hinnehmen.

Wiederholt finden sich kursiv gedruckte Auszüge ihrer Krimi-Versuche. Der Schreibprozess steht aber nicht im Vordergrund dieses Kriminalromans.

Fazit

Auf dem Cover von „30 Tage Dunkelheit“ heißt es: „Bester dänischer Kriminalroman 2021“ – das weckt Erwartungen. Meine wurden nicht erfüllt. Gefallen haben mir der originelle Einstieg, der Schreibstil und die Überraschungen, zu denen auch die Auflösung zählt. Man muss aber über viel Absurdes hinwegsehen.

30 Tage Dunkelheit - Jenny Lund Madsen

30 Tage Dunkelheit – Jenny Lund Madsen

Originaltitel: Tredive dages mørke

Übersetzung: Julia Gschwilm

Verlag: Klett-Cotta, Tropen

Erschienen: 18.03.2023

Seiten: 400

ISBN: 978-3-608-50165-0

Jetzt zu Amazon:

Links mit einem Sternchen (*) sind Affiliate-Links. Wenn du einen Affiliate-Link anklickst und im Partner-Shop einkaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Für dich entstehen keinerlei Mehrkosten.

Deine Meinung

5 Antworten

  1. Hm – klingt nicht danach, dass es reicht um es zu lesen.
    Ich denke, dass dieses Cover auch echt verwirrend ist. Dann lieber diese bisschen witziger gestalteten Cover. Da macht vielleicht auch das Unterbewusstsein einen Strich durch die Rechnung.

    1. Ich kann mir auch vorstellen, dass es besser funktioniert hätte, wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt.

      Außerdem kann ich mir vorstellen, dass das Ganze als Film besser funktioniert. Da sie auch Drehbuchautorin ist, … warten wir es ab. :)

  2. Hallo und danke für die ehrliche Rezension. Laut Klappentext hätte mich das Buch schon sehr interessiert. Hoffte aber auf mehr Zeilen über das Schriftsteller-Dasein der Protagonistin. Wie ich bei Dir rauslese, ist dem nicht so. Und ehrlich gesagt mag ich weder Ermittlerkrimis (ob durch Polizisten oder private Menschen, die sich dazu berufen fühlen) noch das abgedroschene und verschrobene „Nikotin- und Alkoholabhängigkeit“ Stigma, um Protagonisten heraus zu heben. Das hatte ich bereits zu oft gelesen. Originell ist anders. Ich spare mir erstmal die doch teuren 18 Euros und schau evtl später mal rein, wenn der Preis immens gesunken ist.

    1. Hallo Tanja,

      danke für’s Lesen und deinen Kommentar. :)

      Über das Schriftsteller-Dasein gibt es wenig. Sie hatte zu Hause schon eine Schreibblockade, wird dann durch den Toten und ein Märchenbuch inspiriert und schreibt ein paar Seiten. Der Text wird abgedruckt, aber das war’s. Da geht es nicht in die Tiefe.

      Die Klischees sind meiner Meinung nach bewusst eingesetzt. Es liest sich fast wie eine Parodie. Sie springt sogar kurz nach einem schweren Unfall direkt aus dem Krankenhausbett – alles dabei.
      Ich kann mir die Geschichte als Film – wenn man weiß, um was es sich handelt, nämlich eine humorvolle Krimi-Art – vorstellen, vielleicht kommt da was, die Autorin ist ja Drehbuchautorin.

      Ich habe das Buch aus der Bibliothek geliehen, vielleicht wäre das bei dir auch eine Idee?!

      Liebe Grüße

  3. Hallöchen :)
    Ich hatte mir das Buch auch angeschaut und fand, das es gar nicht so schlecht klang, habe es dann aber nicht so richtig weiter verfolgt, weil ich auch einfach genug andere Dinge zu lesen hatte. Schade, dass du nicht so richtig überzeugt warst. Vermutlich hätte ich aber auch etwas anderes erwartet, als du bekommen hast. Wenn man schon vorher auf eine eher humorvolle Variante eingestellt ist, dann erwartet man ja auch andere Handlungsstrukturen, dann ist es vielleicht nicht so das Problem und es kann ganz charmant sein, wenn die Autorin mehr ermittelt, als der Dorfpolizist, aber wenn man einen ernsthaften Krimi erwartet hat, dann würde mich das möglicherweise auch stören. Immer schwer, das so zu sagen, wenn man die Geschichte selbst ja nicht kennt. Schade, dass auch die Dunkelheit nicht so richtig gut eingebaut wurde, das würde sich doch in dem Setting und bei dem Titel eigentlich so richtig anbieten. Danke für deine Einblicke zum Buch.
    Liebe Grüße,
    Dana

Und was sagst du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Lass Dich über neue Rezensionen benachrichtigen.