Das liebe Böse: Warum wir gut sein wollen und nicht können – Nahlah Saimeh

Von Nahlah Saimeh

Nahlah Saimeh ist forensische Psychiaterin. Seit mehr als 20 Jahren redet sie mit Menschen, die verschiedene Verbrechen begangen haben. Ich kannte die Autorin schon aus einem ihrer True-Crime-Bücher, nämlich „Jeder kann zum Mörder werden“, das mir sehr gut gefallen hat. Deshalb hat mich ihr neuestes Werk „Das liebe Böse: Warum wir gut sein wollen und nicht können“ auch gereizt. Aber Achtung:

Kein True-Crime-Buch

Es ist kein weiteres True-Crime-Buch in dem Sinne. Ja, es gibt hier und da Beispiele von wahren Fällen, diese werden aber nicht richtig auseinandergenommen, sondern nur kurz erwähnt, um etwas zu untermauern. In „Das liebe Böse“ gibt uns die Autorin Einblick in ihre Überlegungen und Deutungen, warum Menschen böse Dinge tun, obwohl sie im Grunde gut sein wollen – und zwar allgemein und unabhängig von konkreten Fällen.

Für mich las es sich dadurch auch ganz anders als das oben genannte Buch, in dem sie einige ihrer wahren Fälle bespricht.

Menschliches Verhalten

In meiner anderen Rezension habe ich schon erwähnt, dass ich es gut finde, dass die Autorin immer wieder herausstellt, dass sie ihre Probanden nicht verurteilt, weiterhin Menschen in ihnen sieht, ganz unabhängig davon, was sie getan haben. Für sie gibt es keine Monster. Und das ist hier in „Das liebe Böse“ ganz genauso. Sie betont, dass es sich um menschliches Verhalten handelt, dass Straftaten unterschiedlichste Motive haben, aber immer ein Ausdruck des Scheiterns sind – des menschlichen Scheiterns, und dass das Böse eben tatsächlich in der Natur des Menschen liegt, ob wir das nun wollen oder nicht.

Gedankenexperiment/Der Rucksack

Nahlah Saimeh sieht es so, dass jeder Mensch mit einem Rucksack zur Welt kommt. Ich fand den Vergleich sehr passend und gut vorstellbar. Sie macht dann am Anfang des Buches auch eine Imaginationsübung mit den Leser*innen, die sicherlich zu der einen oder anderen Erkenntnis führen kann. Ich fand das Gedankenexperiment sehr interessant und auch wenn man selbst schon einmal Gedanken ähnlicher Art hatte, sich versucht hat, in jemanden hineinzuversetzen, ging es für mich noch einmal ein bisschen tiefer. Ich fand es jedenfalls ziemlich eindrücklich.

Viele interessante Einblicke

Das Thema des Bösen wird aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, so dass man einen guten Überblick über mögliche Gründe gewinnen kann. Ich fand manches interessanter als anderes, vieles hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe beispielsweise noch nie überlegt, ob wir immer noch so ein großes Interesse an „dem Bösen“ hätten, wenn wir selbst nicht sterblich wären, kann diesen Gedankengang aber nachvollziehen. Auch dass die Bedeutung, ja, die Schwere von Fehlbezichtigungen verdeutlicht wurde, finde ich eine wichtige Sache. Die vorgeburtlichen Einflüsse und manche Fakten hinsichtlich der Bindung konnten mich beeindrucken.

Aktuell

Man merkt, dass das Buch aktuell ist, beispielsweise werden der Sturm auf das Kapitol und die Covid-Pandemie kurz erwähnt. Auch verschiedene Arten von Fehlverhalten in den Sozialen Medien werden kurz angerissen.

Stil

Das Buch ist gut verständlich geschrieben. Die Sprache ist an geeigneten Stellen geschlechtersensibel (z.B. „Straftäter*innen“) gewählt.

Fazit

Zwar konnte mich „Das liebe Böse“ nicht so fesseln wie das True-Crime-Buch der Autorin, das ich vor ein paar Jahren gelesen habe, es hat mir aber durchaus einige interessante Einblicke und Denkanstöße verschafft.

3/5!

Das liebe Böse: Warum wir gut sein wollen und nicht können

128 Seiten / ISBN: 978-3-95883-562-7


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