Die Ewigkeit ist ein guter Ort – Tamar Noort

Werbung, da Rezensionsexemplar

Inhalt

Es beginnt bei einem ihrer ehrenamtlichen Seelsorge-Dienste im Seniorenheim: Elke hat beim Vaterunser ein Blackout. Sie erinnert sich an Gedichte und Lieder, die sie in ihrer Kindheit gelernt hat, aber sobald Gott eine Rolle spielt, setzt ihr Erinnerungsvermögen aus. Die Theologin gibt der Dunkelheit in „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ einen Namen, diagnostiziert sich eine Gottdemenz. Doch wie findet sie ins Licht zurück – und zwar schnell? Schließlich sind da Menschen, die sich auf sie verlassen.

Die Protagonistin

Elke, Mitte/Ende 20, hat vor über einem Jahr ihr Theologiestudium abgeschlossen. Seit drei Jahren arbeitet sie ehrenamtlich im Albertusstift, begleitet Sterbende. Doch wie geht es weiter? Was will sie vom Leben?
Die Entscheidung wird ihr abgenommen; ihr Vater, Pastor einer evangelischen Kirchengemeinde, möchte, dass sie übernimmt. So einfach ist es allerdings nicht: Unabhängig von der Frage, ob sie das will, gibt es ein Problem: Gott hat sie verlassen. Ihre Umwelt lebt ihr Leben weiter, als wäre nichts, doch in ihr ist alles – und zwar in eine Schieflage geraten.

Die Protagonistin befindet sich gezwungenermaßen auf einer Suche, die zu einer Art Selbstfindungstrip wird, und ich habe sie dabei gern begleitet. Sie ist keine leicht durchschaubare Person, handelt oft spontan – und meist so, dass ich sie schütteln wollte.
Es gibt Szenen, in denen sie befremdlich daherkommt. Sie überschreitet Grenzen. Ihr unkonventionelles Denken und Verhalten machen Elke als Hauptfigur bemerkenswert.

Starker Beginn und Schluss

Eine Pastorin mit Gottdemenz? Eine interessante Idee. Die Beschreibungen zum einschneidenden Ereignis vor 15 Jahren? Berührend. Eingangs und zum Ende hin hatte mich die Geschichte. Es gibt viele originelle Gedankengänge. Nur mittendrin, da fehlte mir etwas. Ich habe auf ein Highlight gewartet, einen Knall, irgendetwas. Es kam mir zu gleichförmig vor. Es sind Ausschläge vorhanden, das schon. Aber ich habe sie als mild empfunden, sie haben mich kaum getroffen. Das haben andere Teile des Buches stärker geschafft. Das meiste stößt ihr zu – sie kommt hierhin oder dorthin, oft gegen ihren Willen. Ich hätte mir mehr Initiative gewünscht, obwohl ich verstanden habe, dass sie orientierungslos ist.
Ab und zu hatte ich im Mittelteil die Sorge, es würde sich zu etwas Belanglosem entwickeln – was mir bei dem gewaltigen Thema absolut falsch vorkam. Allerdings:

Rund

Die Themen, die das Buch behandelt, sind bedeutungsschwer. Es geht um den Kreislauf des Lebens, um vorgezeichnete Wege, darum, was wir wollen – und dass wir straucheln dürfen. Es geht um Vertrauen. Mir gefällt insbesondere die Botschaft am Schluss und wie sie rübergebracht wurde.

Ich hatte den Eindruck, dass nichts in diesem Buch zufällig ist, habe alles sorgfältig ausgewählt und aufs Thema bezogen wahrgenommen: Es gibt eine Eva und einen Adam. Chris. Der Ort, in dem sie aufgewachsen ist und in den es sie zieht, heißt Edena. Ich bilde mir ein, dass man in die Enten-Sache eine Menge hineininterpretieren kann. Vieles wird mehr als einmal aufgegriffen. Die Story wirkt rund. Es macht Sinn, dass sie mit einer Taufe endet, einem Anfang. Und dass der Leserschaft trotzdem nicht plötzlich die rosarote Brille aufgedrängt wird.

Abwechslungsreicher Schreibstil

Die Autorin spielt in „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ mit Wörtern und Sätzen. Sie formuliert alles andere als eintönig. Ich mochte ihren lockeren und bildhaften Schreibstil. Die Beschreibung von den Brandlöchern, den dunklen Kratern in ihrem Kopf, fand ich beispielsweise gut vorstellbar. Dialoge schreibt sie knapp und authentisch.

Besonders geglückt ist es ihr, Verzweiflung/Panik/Chaos glaubhaft rüberzubringen. Hier ein Gedanke, da ein Einschub, ein Fetzen, ich spürte die Hektik, den inneren Aufruhr, es gibt keine Pause, man steuert gnadenlos auf etwas zu. Diese Endlossätze haben etwas mit mir gemacht, die Unruhe war fühlbar, geradezu ansteckend.

An ausgewählten Stellen schreibt Tamar Noort Wörter zusammen, die ohne Leerzeichen nicht zusammengehören. Sie lässt den Raum zwischen Schlusspunkt und neuem Wort weg. Ihre Herangehensweise wirkte frisch auf mich, im positiven Sinne ungewöhnlich – und vor allem passend zur Situation und Protagonistin.

Ausgezeichnet

Tamar Noort hat 2019 den Hamburger Literaturpreis in der Kategorie „Roman“ bekommen. Das Manuskript hieß seinerzeit „Ans Licht“ – und das erscheint überaus passend im Hinblick auf die Tatsache, dass Licht allgegenwärtig ist, immer wieder eingebaut wird, sei es in seiner eigentlichen Form oder als Name (Lukas, Kari). Es gibt warmes Licht, sanftes, goldenes, helles. Das Licht ist fahl, bleich, kühl – und manchmal gar nicht da.
Aus „Ans Licht“ wurde „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“, was ebenso stimmig ist und am Ende auch innerhalb der Geschichte auftaucht. Inhaltlich wurde ebenfalls einiges verändert, zumindest wenn ich mir den Textauszug anschaue, der auf der Seite der Hamburger Literaturpreise zitiert wird.

Fazit

Idee und Anfang haben mich gekriegt. Ich mochte den Schreibstil der Autorin und dass alles eine Bedeutung hat, rund erscheint. „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ ist eine ruhige Geschichte, die mit originellen Gedanken und einer eigenen Protagonistin aufwartet. Der Mittelteil kam mir schwächer vor, es zog sich. Das Ende sorgt dafür, dass ich eher auf- als abrunden würde.

3,5/5!

Die Ewigkeit ist ein guter Ort: Roman

304 Seiten / ISBN: 978-3-463-00034-3


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