Drifter – Ulrike Sterblich

Drifter - Ulrike Sterblich

„Drifter“ von Ulrike Sterblich ist ein cooles Buch, das unheimlich viel Spaß macht. Es wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet – und kommt damit durch.

4/5

Inhalt

Wenzel Zahn ist ein großer Fan des Schriftstellers K:B Drifter. Als er in der S-Bahn auf eine mysteriöse Frau trifft, die ein neues Buch des Autors in Händen hält, kann er es nicht fassen: Hat er eine Neuerscheinung verpasst? Nein, hat er nicht. Zwar kann er „Elektrokröte“ zunächst vorbestellen, doch zwei Wochen später findet der Buchhändler den Roman nicht mehr im Bestellsystem. Auch Wenzels Internetrecherchen verlaufen erfolglos. Dass die Unbekannte einen Blitz in die Luft malt und Wenzels bester Freund Killer kurz darauf von einem getroffen wird, ist ein weiteres Rätsel – und längst nicht das letzte, das in Verbindung mit Vica aufkommt.

Wenzel und Killer

Sie halten die Geschichte zusammen, wie sie auch sonst zusammenhalten: Ich-Erzähler Wenzel Zahn, der Leserkommentare und -foren beim örtlichen Regionalsender moderiert, und Marco Killmann, genannt Killer, der in der Lebensmittelindustrie tätig ist.

Wenzel ist die unspektakulärste der Personen. Trotzdem (oder gerade deshalb) funktioniert er als Ich-Erzähler. Mir ging es in etwa so, wie er es im Zusammenhang mit einem von ihm verfassten Posting in einem Drifter-Fanportal vermutet:

"Ich hegte den Verdacht, dass weniger Mitgefühl mit mir als vielmehr die herrliche Abstrusität des Ganzen das Interesse an meiner Geschichte so stark befeuerte, aber wer wollte das verübeln?"

Ja, sorry, das stimmt. Es gibt eine Menge Abstruses, das seltsamerweise total unterhaltsam ist. Aber da ist auch die Freundschaft der beiden. Ich fand die Darstellung ihrer Beziehung sehr gelungen. Sie waren Nachbarsjungen und Schulkameraden, mochten dieselben Comics, sind nie auseinandergegangen. Doch nun verändert dieser Blitzschlag den einen völlig: Er, kürzlich zum PR-Chef befördert, kündigt seinen Job und zieht in das Haus, in dem sie aufgewachsen sind und in dem seine Mutter, die neuerdings auf Hilfe angewiesen ist, noch immer wohnt. Killer ist gezeichnet von dem Ereignis, ändert seine Ansichten. Wie geht man damit um als jemand, der so ist wie vor dem Blitz? Werden sie sich verlieren? Einen neuen Weg finden?

Vica

Durch Ludovica Malabene kommt das Geheimnisvolle in die Story.

Sie hat einen Bezahlkanal, auf dem sie in abgedrehten Videos Finanztipps weitergibt. Manchmal ist sie mit einem Zottelhund, häufig mit zwei Kompagnons unterwegs, immer ist sie Wenzel rätselhaft, sodass er eine Liste erstellt, um all die offenen Fragen irgendwann zu klären.

Ein unwahrscheinlich fantastisches Buch

Ein bisschen unerklärlich ist es schon, aber: Ich hatte enormen Spaß beim Lesen. Ich wurde – wie viele andere innerhalb der Geschichte – verzaubert von diesem ungewöhnlichen Text, bei dem es um Ursache und Wirkung geht. Um Zufälle. Und allerhand schwer greifbare Dinge.

Ein Zitat, das gleich doppelt vorkommt:

"Man neigt dazu, Verbindungen zu ziehen zwischen Ereignissen."

Ja, man neigt dazu. Aber hier könnte man an seine Grenzen stoßen. Oder nicht?

Manches macht Sinn, vieles weniger. „Drifter“ ist so richtig schön undurchsichtig, der Roman wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet – und kommt damit durch. Die Geschichte ist erfrischend anders. Originell, überraschend, witzig. Mutig. Ich hätte ewig weiterlesen können.

Dabei mag ich solche – auf den ersten Blick? – unwahrscheinlichen Bücher gar nicht so gerne. Hier geschieht eine Seltsamkeit nach der Nächsten. Dass Killer vom Blitz getroffen wird, ist eines der normaleren Dinge – und wie wahrscheinlich ist das? Tja, immer noch plausibler als manch andere Szene des Romans.

"Richtig, stimmt ja, was fragte ich noch lange. Es war ja das Zeitalter der unerklärten Merkwürdigkeiten angebrochen."

So völlig fernab der Realität spielt das Buch aber keinesfalls. Die Geschichte ist realistisch – und sie ist es nicht. Sie hat etwas Magisches an sich. Etliches scheint unwahrscheinlich, jedoch nicht gänzlich abwegig. Wie in der Geschichte: Vieles ist möglich.

"Was daraus entstand, war eher eine bunte Collage als ein Puzzle, das ein stimmiges Bild ergeben hätte."

Und das ist in Ordnung.

Aufbau/Stil

„Drifter“ besteht aus vier Kapiteln auf 288 Seiten.

Die Autorin schreibt lässig und mit Sogwirkung. Das Buch macht sprachlich viel Spaß. Es ist ein absolut kreatives Werk.

Immer wieder werden Zitate aus Drifters Romanen eingestreut, drei sind bisher erschienen. Sie kamen mir genauso suspekt vor wie andere Teile der Geschichte.

Ich bin sicher, dass es einige geben wird, die Probleme mit dem Buch haben werden. Mit seiner Ziellosigkeit. Ich kann diese Ansicht verstehen. Aber … aber.

"Man könnte sogar sagen, die Suche nach Perfektion ist überhaupt der Fehler. Der Makel liegt nicht in der lädierten Vollkommenheit, der Makel liegt darin, Vollkommenheit zu wollen."

Ich habe „Drifter“ gelesen, weil es ein Jahreshighlight 2023 von Alexander war. Er führt es dort in der Kategorie „Fabulierlust“ und nennt in diesem Zusammenhang die „Freude am Erzählen“ – und das passt. Genau deshalb mochte ich den Roman, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

Fazit

Ein extravagantes Buch, das mich – so unwahrscheinlich das auch war – glänzend unterhalten hat.

Drifter - Ulrike Sterblich

Drifter – Ulrike Sterblich

Verlag: Rowohlt

Erschienen: 18.07.2023

Seiten: 288

ISBN: 978-3-498-00326-5

Links mit einem Sternchen (*) sind Affiliate-Links. Wenn du einen Affiliate-Link anklickst und im Partner-Shop einkaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Für dich entstehen keinerlei Mehrkosten.

Deine Meinung

5 Antworten

  1. Das freut mich sehr, dass du auch so verzaubert wurdest durch das Buch. Ich mochte die Interaktionen zwischen den Figuren sehr, die etwas zartfühlendes und freundliches besitzt, etwas sehr respektvolles, das gar nicht effekthascherisch vorgeht. Ein Buch, das ich wirklich gern gelesen habe, obwohl ich mir gar nichts bei diesem seltsamen Titel erwartet hab. Was ich noch hinzufügen könnte, wäre der Herzschmerz und die Melancholie des Verlassen-Werdens, das ich auch sehr gut bearbeitet fand. Viele Grüße und ein schönes Osterwochenende!!

    1. Oh ja, es hat wirklich Spaß gemacht. Ehrlich gesagt habe ich das gar nicht erwartet. Und die Interaktionen zwischen den Figuren mochte ich ebenfalls sehr. Bei den Themen Herzschmerz/Melancholie stimme ich dir auch zu.

      Schöne Ostern für dich! :)

  2. Das klingt absolut nach einem Buch für mich. Ich liebe Abstruses, wenn man nicht weiß, ist das nun Realität oder nicht? Genau mein Ding. Vielen Dank für diesen Tipp! Liebe Grüße und frohe Ostertage.

Und was sagst du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Lass Dich über neue Rezensionen benachrichtigen.