Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid – Alena Schröder

Inhalt

In „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ besucht Hannah, 27, wie gewohnt ihre Großmutter im Seniorenpalais. Die Besuche laufen immer gleich ab – doch diesmal ist etwas anders: Die 94-Jährige hat Post von einer Kanzlei aus Israel bekommen. Sie möchte nicht darüber sprechen, doch Hannah will wissen, was es auf sich hat mit dem Brief, denn es geht nicht nur um ein geraubtes Kunstvermögen, sondern auch um eine jüdische Familiengeschichte, von der sie absolut nichts weiß…

Die Protagonistinnen

„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ erzählt die Geschichte gleich mehrerer Frauen. In der Gegenwart verfolgen wir, wie Hannah, die mit ihrer Doktorarbeit und ihrem Leben insgesamt nicht weiterkommt, den Brief entdeckt, über den Evelyn nicht sprechen will – und der so viel ins Rollen bringt.

Beginnend ab 1922 lesen wir außerdem über die damals 18-jährige Senta, die ungewollt schwanger ist. Sie heiratet den Vater des Kindes, wird mit Ulrich aber nicht glücklich. Auch mit ihrer dann geborenen Tochter Evelyn läuft es nicht wie erhofft, so dass sie letztlich eine folgenschwere Entscheidung trifft: Sie verlässt ihre Heimat und geht zu ihrer Freundin Lotte nach Berlin. Allein.
Evelyn wird von Ulrichs Schwester Trude aufgezogen.

Der Fokus liegt klar auf den Frauen in diesem Buch. Die Männer kommen – mit Ausnahme der Familie Goldmann – nicht besonders gut weg. Aber sympathisch sind letztlich sowieso die wenigsten Menschen in dieser Geschichte.

Verbindung fehlgeschlagen

Ich hatte echte Schwierigkeiten, mit den Figuren zu fühlen. Keine war mir so richtig sympathisch, am ehesten noch Senta. Aber da war einfach keine richtige Verbindung zwischen ihnen und mir. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich dachte: „Hey, das ist echt traurig/fies/ungerecht/erschütternd… Wieso empfinde ich nichts?“ Ich fand das so schade. Ich hätte gerne richtig mitgefiebert und -gelitten, das hätte die gesamte Story für mich viel besser gemacht.

Ich kann verstehen, dass dieser Roman so viele positive Stimmen hervorgerufen hat. Wenn ich mit den handelnden Figuren zusammengegangen wäre, wäre mein Leseempfinden sicher auch ein ganz anderes gewesen.

Entwicklung

Dass eine gewisse Charakterentwicklung, insbesondere bei Hannah, feststellbar war, hat mir gefallen – auch wenn ich es nicht herbeigesehnt und innerlich bejubelt habe. Dafür habe ich zu wenig für sie empfunden. Die Figuren blieben für mich leider alle bloß Figuren. Aber ein Vorankommen auf dieser Ebene ist natürlich immer wünschenswert – und hier vorhanden.

Wenig mitreißend

Die Familiensaga hat mich nicht mitgerissen. Ich konnte den Roman problemlos weglegen, habe sogar manchmal in freien Zeiten lieber andere Sachen gemacht. Das kenne ich so nicht. Ich liebe es, Bücher zu lesen und darin zu versinken – immer. Zwischendurch habe ich deswegen auch überlegt, „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ abzubrechen und ein anderes vorzuziehen.

Ehrlich gesagt fand ich das Buch oft langweilig. Es interessierte mich wenig, es kam mir oft unglaubwürdig, manchmal befremdlich vor – und vor allem konnte ich viel zu wenig spüren beim Lesen. Die Themen hätten da meiner Meinung nach unendlich viel mehr hergegeben. Natürlich wäre es dann noch schwerer gewesen, als es das bei den gewichtigen Themen sowieso schon ist. Aber dann hätte es mir etwas gegeben, dann wäre ich viel mehr dabei gewesen.

Viele wichtige Themen

Hervorheben möchte ich die Themen dieses Generationenromans. Die sind nämlich durchaus interessant und wichtig. Es geht um den Nationalsozialismus, insbesondere um das Schicksal von Juden. Ich hatte den Eindruck, dass Alena Schröder alles gut recherchiert hat. Die Thematik wurde auch gut eingebunden. Der Strang um Senta und Julius konnte noch am ehesten meine Aufmerksamkeit halten, wenn er mich auch nicht so emotional abholen konnte, wie ich das erwartet habe.

Es geht daneben auch um Vorbilder und darum, was das, was man vorgelebt bekommt, mit einem macht. Es geht um das Muttersein, die Rolle der Frauen in bestimmten Zeiten und generell um die Erwartungen der anderen. Gerade auch der Punkt Mutterschaft wurde meiner Meinung nach gelungen eingebracht und beleuchtet.

Gemeinsamkeiten

Vieles wiederholt sich in dieser Familie, da können sich die Protagonistinnen noch so sehr abgrenzen von ihren Müttern/Kindern/Gefühlen. Sie alle wurden auf die eine oder andere Art und Weise früh von ihrem Vater verlassen und/oder von der Liebe enttäuscht. Jede fühlt sich zeitweise unzulänglich. Auch insgesamt betrachtet ist die Geschichte rund, ein Kreis, der sich schließt. Das fand ich stimmig und gut.

Perspektive

Die Kapitel erzählen wechselnd aus der Gegenwart und der Vergangenheit, wobei es keine Ich-Erzählerin gibt.

Man bekommt hier und da auch einen Einblick in die Gedankenwelt einiger Nebenfiguren, was ich manchmal ganz gelungen, manchmal aber auch entbehrlich fand.

Schreibstil

Das Buch lässt sich einfach runterlesen. Gerade in der Gegenwart um Hannah wird oft die Umgangssprache genutzt, was das Ganze mächtig auflockert.

Der Text ist an geeigneten Stellen genderneutral geschrieben.

Fazit

Leider hat mich „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von Alena Schröder nicht fesseln können. Es war eher eine Überwindung als eine Freude, dieses Buch zu Ende zu lesen. Die Themen sind wichtig, konnten mich in Verbindung mit den handelnden Figuren, zu denen ich keine Verbindung aufgebaut habe, aber kaum berühren. Für mich war es eine zähe Lektüre.

2,5/5!

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid: Roman

368 Seiten / ISBN: 978-3-423-28273-4


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