Maifliegen – Andrew O’Hagan

Maifliegen - Andrew O Hagan

„Maifliegen“ von Andrew O’Hagan ist ein Roman über das Leuchten der Jugend und eine lebenslange Männerfreundschaft, die am Ende eine Entscheidung fordert, die Loyalität über alles stellt.

Bewertet mit 3 von 5

Werbung, da Rezensionsexemplar

Inhalt

James/Jimmy „Noodles“ Collins und seine Freunde wachsen im perspektivlosen Schottland auf. Das Zentrum: Tully Dawson, charismatisch, lebenshungrig, voller Pläne. Er besorgt Karten für ein Festival – und so geht es 1986 nach Manchester. Ein Erlebnis, das sie nie vergessen werden. Auch mit Anfang 50 erinnern sie sich an diese Tage, in denen alles möglich erschien. Doch im Gegensatz zu damals haben nun nicht alle eine verlockende Zukunft vor sich, einem von ihnen bleiben nur noch vier Monate – und er hätte nichts dagegen, diese abzukürzen.

Leichter Einstieg

Dieses Buch hat mich durch den Titel und das Cover angezogen, ich kann nicht genau erklären, weshalb, aber ich musste die Leseprobe sehen. Davon habe ich nicht mehr als drei Sätze gelesen, denn dort steht:

"Manche Familien bestehen aus lauter Fremden, da lässt sich nichts machen."

Das hat gereicht, mir war klar: Ich muss dieses Buch lesen, da lässt sich absolut nichts machen.

Wir lernen die Protagonisten kennen, den literaturbegeisterten Noodles und Tully, den Rebell. Es las sich vielversprechend.
Schon bald kommt der Trip nach Manchester, den die Beteiligten nie vergessen werden. Und hier verlor mich das Buch ein wenig.

Treffende Darstellung von Erinnerung

Der Roman zeigt überzeugend, wie Erinnerungen funktionieren. Sie sind bruchstückhaft, persönlich aufgeladen, vielleicht überhöht, wir kennen das alle. Und ich verstehe, weshalb diese Zeit für den Erzähler – James – alles bedeutet. Ich glaube, dass es das Ziel des Autors war, zu zeigen, welch unvergessliches Abenteuer sie da erlebt haben, unsterbliche Erinnerungen, die sie als eingeschworene Truppe erschaffen haben. Und das hat er zu 100 % erreicht. Wenn das seine Absicht war, ist sie ihm gelungen. Er bringt die mehr oder weniger unbeschwerte und wilde Zeit rüber, als wäre es keine Schwierigkeit, und die Unterhaltungen der filmverrückten jungen Erwachsenen wirken wie eine eigene Sprache, wie etwas, das nur sie miteinander teilen konnten. Das ist großartig.

Aber.

Emotionale Distanz

Ich schaue auf das, was die Geschichte mit mir macht.

Die Jungs lieben sich, ich sehe das. Und es ist nicht so, dass mich „Maifliegen“ gefühlsmäßig nie gekriegt hätte. Doch, doch. Auch in der Manchester-Hälfte, in der es vor allem um Alkohol und Clubbesuche geht, gibt es stille Momente, die mich berührten. Ich konnte sehen, dass einiges unausgesprochen bleibt, weggelacht, verdrängt wird. Mag ich. An noch mehr Stellen saß ich jedoch da und dachte mir: Cool, dass sie sich so gut verstehen und so viele Insider teilen, aber schade, dass ich so wenig kapiere. Ich war irgendwann versucht, die Dialoge zu überfliegen, weil sie mir wie ein Geheimcode vorkamen, dessen Kombination mir fehlte. Es war anstrengend, ich kam nicht hinterher.

„Tullytum“

James ist ein genauer Beobachter, jemand, der wahrnimmt, ohne sich selbst zu inszenieren. Ich schätzte seine Ehrlichkeit, er gesteht sich Dinge ein und verklärt nichts.
Er schien mir etwas zu unscheinbar, aber als er auf einer Party kurz mit einer Frau spricht, heißt es anschließend:

"Am liebsten hätte ich ihr ein Gedicht hinterhergebrüllt."

Da musste ich lachen und dachte: Hey, er ist echt in Ordnung.

Tully dagegen zieht alle an wie ein Magnet, nicht umsonst gibt es den Begriff „Tullytum“ (Pos. 1548). Mit der Darstellung der beiden kam ich klar. Die Nebenfiguren blieben allerdings für mich blass. Ich kannte sie nur dem Namen nach, konnte sie bis zum Schluss kaum auseinanderhalten. So fiel es mir schwer, eine Verbindung aufzubauen. Der Fokus liegt hier weniger auf der individuellen Tiefe als vielmehr auf dem gemeinsamen Lebensgefühl – für mich Stärke und Schwäche zugleich: Es kommt an, hat mir aber nicht genug gegeben.

Stark geschrieben

Die Geschichte wird zweigeteilt erzählt, einmal erleben wir das Feuer der Jugend, dann die Gegenwart, die durch eine unheilbare Krankheit überschattet wird. Im zweiten Part ist es keine echte Option mehr, die Probleme zu verdrängen und zu überspielen, auch wenn die Charaktere nach wie vor gut darin sind, Humor einzusetzen. Es gibt mehr emotionale Szenen, die es aber nicht schafften, mich tief zu erschüttern, obwohl ich das erwartet hätte.

Interessanterweise hat mich das Buch im Nachhinein stärker berührt, als ich erfahren habe, dass ihm eine wahre Geschichte zugrunde liegt. Das Werk ist fiktiv – mit starken autobiografischen Zügen, denn der Autor hat seinen Jugendfreund, ein Idol wie Tully, verloren; es gab sogar das Musikfestival und die Krankheit. Er hat an der Realität entlanggeschrieben – an all dem, was sie tatsächlich erlebt haben. Wie schwer muss das gewesen sein?

Es gibt einige Stellen, die ich markiert habe, weil ich sie treffend formuliert fand. In der Hinsicht hätte ich gerne mehr vom Autor gelesen. Andrew O’Hagan hat außerdem ein gutes Gespür für lockere Dialoge, auch wenn ich diese häufig als wenig zugänglich empfand. Was soll ich sagen? Das Buch hat mich zerrissen. Nicht anders ergeht es den Figuren – wenn auch auf ganz anderer Ebene.

Fazit

„Maifliegen“ ist ein Roman, den ich verstanden, aber nicht in der Tiefe gefühlt habe, die ich erwartet hätte. Er zeigt, wie Erinnerungen funktionieren, schafft aber auch eine Distanz, die mich nicht ganz überzeugte. Am stärksten funktionierten bei mir die leisen Momente, die aus all dem Lärm das herausfiltern, worauf es tatsächlich ankommt.

Zusammenfassung Maifliegen von Andrew O’Hagan

Dieses Buch ist für dich, wenn du

Maifliegen - Andrew O Hagan

Maifliegen – Andrew O’Hagan

Originaltitel: Mayflies (2020)

Übersetzung: Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié

Verlag: Ullstein

Erschienen: 30.04.2026

Seiten: 336

ISBN: 9783550204470

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