„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo ist ein leiser, berührender Jugendroman über Trauer und Sprachlosigkeit, in dem ein Vater-Sohn-Konflikt in ein spannendes Berg- und Überlebensabenteuer mündet.
Inhalt
Amedeo geht nach dem Tod seiner Mutter kaum mehr irgendwohin – er meidet den Weg zur Schule, trifft keine Freunde. Als sein Vater vom Elterngespräch kommt, entscheidet er, dass es so nicht weitergeht. Er zwingt Amedeo, auf die Punta Liberté zu wandern, nur Vater und Sohn – und all die unausgesprochenen Dinge zwischen ihnen. Ame versucht, seinen Vater und dessen Monologe auszublenden – bis er keine andere Wahl mehr hat, als sich zu erinnern – und das zu sehen, wovor er bisher weggelaufen ist.
Wir gehen mal los
Ich nehme es vorweg: Dieses Buch hat mich überrascht – und zwar sowas von positiv. Damit habe ich nicht gerechnet. Der Titel klingt so locker und wenig aussagekräftig, man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Dies ist kein rosaroter Familien-Wanderführer. Im Original heißt der Roman „Respira Con Me“ – Atme mit mir, nach einem Song, den der Protagonist ständig hört. Das verspricht eine emotionalere Geschichte und passt auch zu der Angst-Thematik, die eine große Rolle spielt. Atme mit mir. Ganz ehrlich: Ich habe mit Ame geatmet.
Vater-Sohn-Konflikt
Sie, Amedeos Mutter, war fürs Reden zuständig, das denken beide, Ingenieur Giandomenico Ghisleri und der 16-jährige Amedeo. Doch sie ist nicht mehr da – und seither herrscht Stille zwischen ihnen. Der Vater versucht, die Trauer zu verdrängen und weiterzumachen, stark zu sein für seine Söhne. Amedeo hingegen hängt fest, verliert sich in Erinnerungen – und weiß nicht, wie er den Alltag, dieses Theater des Weiterlebens, bewältigen soll.
"Lügen, nichts als Lügen. Die Realität verschleiern, die bittere Wahrheit schönreden. Tatsachen verschweigen ist die Spezialität des Hauses."
Wir gehen mal los, eBook, Pos. 427/1561, 27 %
Er versteckt sich hinter seinen Haaren, will sich abschotten. Als Folter sieht er die Wanderung an, entsprechend ändert sich zunächst nichts, es wird geschwiegen, drumherum geredet, ausgewichen.
Gekonnt aufgebaut
Es überwiegt der Einblick in Ames Kopf, der vor allem an seine Mutter, die Schule, ein Mädchen namens Lucilla Colombo und sein Handy denkt. Ich finde, dass die Autorin die jugendlichen Gedankengänge gut rüberbringt. Dabei verzichtet sie auf künstlich eingesetzte Jugendsprache, setzt beispielsweise auf Sprunghaftigkeit. Daneben erfahren wir, was der Vater empfindet und versucht. Durch diese wechselnden Innensichten bauen wir Verständnis für die beiden auf, die ganz unterschiedlich mit ihrer Trauer umgehen: Für den Sohn, der nicht mehr funktionieren kann – und den Familienvater, der weiter funktionieren muss.
Es gibt eine Szene, die sehr viel Eindruck bei mir gemacht hat. Sie klingt banal: Die Decken in der Hütte, in der sie unterkommen, stinken. Es entwickelt sich ein kindliches Spiel daraus, eine Abwandlung von „Ich packe meinen Koffer“. Das Ganze wirkt fast albern – bis es das nicht mehr ist. Bis auch der Ingenieur merkt: Es ist kein bloßer Gedächtnistest, sie sprechen nicht über Gerüche, sondern über Gefühle. Über sie. Seine Frau, Amedeos Mutter. Ihren Tod.
Die Autorin hat hier sehr klug konstruiert, die Eskalation wirkt stark. Und sie kann noch etwas anderes richtig gut:
Spannend
Raffaella Romagnolo schafft es, echte Spannung aufzubauen. Sie bahnt die Katastrophe an, man sieht sie kommen, ganz langsam. Sie erzeugt das Gefühl, als würde alles in Zeitlupe passieren – man kann nur zuschauen, nicht eingreifen. Es ist selten, dass mich ein Roman gleichzeitig berührt und mir Herzklopfen beschert, weil ich die Angst des Protagonisten spüre. Ich habe das Abenteuer, in das Amedeo gerät, gerne verfolgt, insbesondere da er, der innerlich blockiert ist, gezwungen wird, Verantwortung zu tragen – und über sich hinauszuwachsen. Es gibt am Ende kein 0815-in-die-Arme-Fallen, sondern – wie davor – sorgsam ausgewählte Gesten und Worte – und das ist der beste Abschluss für dieses Buch, denn ich habe ihm die ganze Zeit über geglaubt.
Fazit
Raffaella Romagnolo gelingt es, Trauer und Abenteuer in einem dichten Roman zu verbinden, der sich als überraschend spannend entpuppt. Indem wir Einblick in Amedeos und Giandomenicos Gedanken kriegen, ist „Wir gehen mal los“ zu einem echten All-Age-Jugendbuch geworden, das ich mit großer Ernsthaftigkeit gelesen – und gespürt habe.
Zusammenfassung Wir gehen mal los von Raffaella Romagnolo
Dieses Buch ist für dich, wenn du
- leise, emotionale Romane magst
- ein packendes Jugendbuch suchst
- mit Themen wie Trauer und Tod klarkommst
Wir gehen mal los – Raffaella Romagnolo
Originaltitel: Respira Con Me
Übersetzung: Peter Klöss
Verlag: Diogenes
Erschienen: 20.05.2026
Seiten: 176
ISBN: 978-3-257-07389-8
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