Das dritte Licht – Claire Keegan

Werbung, da Rezensionsexemplar

Inhalt:
Ein prägender Sommer

In „Das dritte Licht“ bringt ein Vater seine Tochter zu Verwandten, an die sie keine Erinnerung hat. Hier soll sie bleiben, solange es Edna und John beliebt. Sie wird weggeschickt von ihrer überforderten Mutter, die das nächste Kind erwartet, abgeladen von ihrem Vater, der trinkt, spielt und lügt.
Bei den Kinsellas ist alles anders: Das Mädchen ist nicht nur geduldet, es ist willkommen. Die namenlose Protagonistin wächst in der Zeit bei ihrer Tante – in mehr als einer Hinsicht. Sie erfährt, dass es Dinge gibt, die unausgesprochen bleiben dürfen. Und sie spürt, was es bedeutet, angenommen zu werden.

Zwei gegensätzliche Familien:
Hin- und hergerissen zwischen Gewohnheit…

Es geht um das Thema Familie in „Das dritte Licht“. Die Hauptfigur, ein Mädchen, bleibt während der Geschichte ohne Namen und Alter. Ich schätze sie auf etwa sieben, da sie bereits lesen kann, wenn auch nicht gut, da sie nie gefördert wurde.

Sie lebt zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern, ihre Mutter, die sich um alles kümmern muss, ist wieder schwanger. Geld ist wenig vorhanden, zumal Dan, der Vater, trinkt und bei Kartenspielen seine Einsätze verliert. Das Mädchen wird kaum beachtet.

Dan bringt sie zu Verwandten, die sie zuletzt gesehen hat, als sie ein Baby war. Sie macht sich Gedanken darüber, was sie erwartet, schwankt aufgrund ihrer Erfahrungen zwischen kleinen Hoffnungen (etwa auf ein 50-Pence-Stück) und Befürchtungen. Sie will nicht viel – und kriegt daheim noch weniger. Ich mochte ihre fantasievollen Überlegungen – und hasste es, dass sie das Gute als unwahrscheinlich abtut. Ich habe ab der ersten Seite für sie gehofft und ihr das Beste gewünscht.

… und Geborgenheit

Die Kinsellas sind das Gegenteil ihrer Familie. Sie heißen sie willkommen, geben ihr, was sie zu bieten haben. Sie zeigen ihr, was es bedeutet, dazuzugehören.

Man spürt, dass sie sich nicht kennen – und dass jede Figur für sich schauen muss, inwieweit sie bereit ist, eine Bindung zuzulassen. Edna schafft es nicht in dem Ausmaß, das ihr Ehemann aufbringt. Dennoch reagiert sie feinfühlig. In der Matratzen-Szene fand ich sie großartig.
Die Hauptfigur hat Schwierigkeiten mit der Freundlichkeit und Zuneigung, die ihr begegnen, denn sie führen ihr vor Augen, was ihr bisher fehlte. Eine schmerzliche Erfahrung.
Die Distanz wird auch dadurch deutlich, dass sie Edna nie als Tante oder mit Vornamen anspricht, sondern oft als „Die Frau“, John bleibt vorläufig „Kinsella“.

Sie finden in eine Routine, wobei das Mädchen seine Angst vor Fehlern nicht abschütteln kann, die Sorge, nicht bleiben zu dürfen. Mich berührte das.

Wir haben in „Das dritte Licht“ zwei gegensätzliche Familien, die der Kleinen einen unterschiedlichen Stellenwert einräumen. Bei ihren Eltern ist sie eine von vielen, die Trennung von ihr fiel ihnen nicht schwer. Die Kinsellas beschäftigen sich mit ihr, schenken ihr ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge. Es entsteht eine Familie – eine Familie auf Zeit.

Das Ende:
Umwerfend

Zunächst hatte ich den Eindruck, dass Edna im Vordergrund steht, während sich Kinsella zurückhält. Im Verlauf ändert sich das, es entwickelt sich ein besonderes Verhältnis zwischen ihm und dem Mädchen.
John nimmt die Kleine an wie sein eigenes Kind. Er will sie weder auf Abstand halten noch ersetzen. Das spürt sie. Die titelgebende Szene um das dritte Licht unterstreicht das. Und das Ende macht es mit ganzer Wucht deutlich. Es ist ein berührender Abschluss, kraftvoll, ausdrucksstark. Das Ende stellt den Höhepunkt der Geschichte dar. Ich habe es mehrfach gelesen, denn es ist – wie vieles in dem Buch – nicht eindeutig. Ich habe für mich eine Bedeutung entdeckt – und die haute mich um. Vor allem, wenn man Johns Ausführungen berücksichtigt:

"'Du brauchst nichts zu sagen, nie', sagt er. 'Denk immer daran: Das ist etwas, was du nie tun brauchst. So mancher Mann hat viel verloren, nur weil er eine perfekte Gelegenheit verpasst hat, nichts zu sagen.'"
(Pos. 530, 531/746)

Sie muss nichts sagen, aber sie tut es. Unüberlegt, spontan – und aus dem Herzen heraus.
Der letzte Satz sagt so viel, das Wort, das sie benutzt, zusätzlich das „warne“. Es ist ergreifend.

Aufbau/Stil:
Man muss Keegans Prosa erlebt haben!

Die Novelle wird in 8 Kapiteln erzählt. Sie ist aus Sicht der Protagonistin in der Ich-Form sowie im Präsens verfasst, wodurch wir die gleiche Ungewissheit fühlen, die sie spürt.
Handlungsort ist Wexford, insbesondere der Hof der Kinsellas.
Die Nachrichten-Beiträge könnten ein Hinweis auf die Zeit sein, in der die Story spielt (Hungerstreik in Irland: 1981).

Die Informationen, die die Autorin in einen einzigen Satz steckt, erfordern bei anderen ganze Textabschnitte. Und dabei schreibt sie so fein und wunderschön, dass man sich wünscht, das Buch würde nie enden. Tut es aber – und zwar nach 104 Seiten. Schlimm? Nein. Aufgrund ihrer sorgfältigen Wortwahl scheint alles gesagt. Zumal ihre Formulierungen einigen Deutungsspielraum lassen. Sie benennt wenig, zeigt alles – und sagt mehr, als auf dem Blatt steht. Ich wurde zu einer Art Detektivin, fragte mich, ob dieses Wort eine Andeutung sein, jener Satz noch etwas anderes ausdrücken soll, fahndete nach Symbolen. Ich liebe ihren Schreibstil, die sprachlichen Feinheiten, die sich in der Geschichte finden. Was die Autorin auf so wenigen Seiten sagt, ist erstaunlich.

Fazit:
Unbedingt lesen!

Dies ist mein zweites Buch der Autorin. Seit „Kleine Dinge wie diese“ bin ich Fan, nach „Das dritte Licht“ behaupte ich: Man muss Claire Keegans Prosa erlebt haben! Ein kleines Meisterwerk mit großer Wirkung.

5/5!

 

 

104 Seiten / ISBN: ISBN 978-3-96999-199-2 / Originaltitel: Foster / Übersetzung: Hans-Christian Oeser


 

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