„Der Mädchenname“ von Aurora Tamigio ist ein Familienroman über weibliches Erbe, darüber, was Frauen einander weitergeben.
Inhalt
1925: Rosa ist 16 Jahre alt, lernt Sebastiano Quaranta kennen, einen heiteren und sanften Mann, ganz das Gegenteil ihres Vaters, und flieht mit ihm. Sie eröffnen das erste Wirtshaus in San Remo a Castellazzo, bekommen zwei Söhne: Fernando, Donato – und schließlich die ersehnte Tochter Selma. Rosa setzt alles daran, Selma zu beschützen, kann jedoch nicht verhindern, dass sie einen Hochstapler und Nichtsnutz heiratet. Aus der unglücklichen Ehe gehen die ungleichen Kinder Patrizia, Lavinia und Marinella hervor und erweitern die Familie Maraviglia. Wie werden sie sich entwickeln? Werden sie für sich einstehen, ein erfüllteres Leben führen als ihre Mutter?
Weibliches Erbe
Ja, dies ist eine drei Generationen umfassende Geschichte sizilianischer Frauen im 20. Jahrhundert. Doch hier geht es um so viel mehr, nämlich um Machtverhältnisse innerhalb der Familie, um ein Weiterleben nach Demütigung und Verlust, darum, was es braucht, um sich und andere durchzubringen. Und ganz besonders geht es um das weibliche Erbe, das explizit erst im Abschluss-Kapitel, letztlich aber bereits im Titel zur Sprache kommt:
Jeder Mensch erbt irgendetwas, sei es Besitz, Freiheit oder Erinnerung. Oft werden die großen Erbschaften historisch den Männern zugeschrieben, auch beim Nachnamen ist das der Fall, denn dieser stammt meist vom Vater. „Der Mädchenname“ zeigt einen anderen Weg auf, der Roman beschäftigt sich mit der Frage, was Frauen einander weiterreichen – trotz der Tatsache, dass Männer damals oft so viel mehr zu sagen, geben und nehmen hatten. Wir sehen, wie sich Eigensinn vererbt, Gewalt fortsetzt und Zwang verschiebt.
"Rosa sah ihre Tochter, die so friedfertig und dem Vater so ähnlich war, und dachte, nein, das ist kein schönes Erbe. Ein liebenswürdiger Mann, der nie zürnte und nicht böse werden konnte, war etwas Gutes. Aber ein Mädchen mit denselben Gaben war ein Unheil."
Der Mädchenname, S. 54
Jede Frau bekommt einen Teil
Rosa, Selma, Patrizia, Lavinia, Marinella – jede Frau der Familie kriegt einen eigenen Teil mit mehreren Kapiteln. Die Idee der unterschiedlichen Perspektiven hat mir gefallen, sie unterstreicht ihre Eigenständigkeit und verdeutlicht die Linie, denn wir lesen keine Einzelschicksale, sondern beginnen, Muster zu erkennen.
Ich mochte die Figuren, auch wenn – oder gerade weil – sie aufgrund ihrer Prägung teils sehr kratzbürstig wirken. Sie agieren widersprüchlich, nicht immer so, wie man sich das wünschen würde – und trotzdem glaubwürdig. Die Schwestern halten zusammen, allerdings ist es nicht immer eine erfüllende Nähe, sondern manchmal die Solidarität unter Zwang. Man spürt die Opfer, die für den Zusammenhalt erbracht werden. Das ist stark eingefangen.
Der harte Alltag
Es sind viele alltägliche Schilderungen, die wir lesen, und dennoch erzählt „Der Mädchenname“ von gewöhnlichen Frauen, die Außergewöhnliches leisten. Denn es passiert eine Menge Negatives. Dass vieles eher geschildert als wirklich durchlebt wird, passt in die Zeit, in der es geschieht, hielt mich allerdings auch auf Distanz.
Ich hatte das Gefühl, dass der Roman über Leben erzählt, statt mich hineinzuziehen. Ich konnte mich nicht richtig hineinversetzen in die Charaktere, nicht recht mit ihnen fühlen. Ab und zu kam mir das Buch ewig lang vor. Allerdings wartete am Ende eine Überraschung:
Die Jüngste kriegte mich
Ehrlich gesagt erwartete ich, dass mich Marinellas Kapitel am wenigsten interessieren würde. Sie ist die Kleinste, am Ende des Buches, wenn sie ihren Teil bekommt, ist sie 17 Jahre alt, wird bald 18. Sie hat Spielräume, die die anderen nicht hatten, erlebt Dinge, die man am ehesten nachempfinden kann, nennen wir sie – ich meine nicht alle! – „Teenie-Sorgen“. Das kann ja wohl – ich habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden! – nicht so interessant und relevant sein wie die Einblicke der Schwestern, die um die Existenz kämpfen und Verantwortung tragen.
Tja.
Anscheinend doch.
In diesen letzten Kapiteln passiert etwas, das mich einfing. Meine Lesart kippte von „historisch/vergangen“ ins Emotionale. Plötzlich fühlte ich mit. Marinella ist die zugänglichste Figur. Sie lebt nicht ohne die Zwänge, die das Leben der anderen bestimmten, sie haben sich nur verschoben. Auch sie wird gelenkt und gedrängt, muss sich Entscheidungen beugen. Trotzdem hat sie Möglichkeiten. Mich packte hier vor allem die junge Liebe, die sich so leise und langsam anbahnt. Zudem konnte ich hier die harte Arbeit und Zugeständnisse der Älteren und deren Früchte erstmals wirklich erkennen.
Im Umkehrschluss heißt das: So richtig erreicht hat mich das Buch erst, als es in der Gegenwart mit all den Unsicherheiten der Jugend ankommt. Obwohl ich auch die früheren Generationen größtenteils gern gelesen und Verständnis und Respekt für sie aufgebracht habe, konnte ich in Marinellas Teil echtes Interesse und Nähe empfinden.
Fazit
„Der Mädchenname“ ist ein ernsthafter, klassisch geschriebener Familienroman, der weibliche Geschichte sichtbar macht. Ich habe den Roman gern gelesen, konnte allerdings erst im letzten Teil – als die Geschichte in der Gegenwart ankommt – so richtig mitfühlen.
Zusammenfassung Der Mädchenname von Aurora Tamigio
Dieses Buch ist für dich, wenn du
- gern Familiengeschichten über mehrere Jahrzehnte verfolgst und unterschiedliche Perspektiven magst
- einen unaufgeregten, wenig experimentellen, eher klassischen Stil schätzt
- dich für Themen wie Rollenbilder, Zwänge und Möglichkeiten über Generationen hinweg interessierst
Der Mädchenname – Aurora Tamigio
Originaltitel: Il cognome delle donne (2023)
Übersetzung: Annette Kopetzki
Verlag: btb
Erschienen: 08.10.2025
Seiten: 512
ISBN: 978-3-442-77577-4
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