Der Sammler – John Fowles

Inhalt

Frederick Clegg hat zwei Leidenschaften: Von Kindesbeinen an jagt er Schmetterlinge, sammelt die toten Exemplare. Und er beobachtet das Nachbarsmädchen, führt Buch darüber.
Miranda Grey, inzwischen 20, wohnt während des Studiums bei ihrer Tante. Als Fred im Lotto gewinnt und nach London geht, sieht er sie wieder. Er kauft einen Transporter. Und ein abgelegenes Haus. Er richtet den Keller her. „Der Sammler“ hat einen Plan…

Auf Empfehlung

„Der Sammler“ erschien 1963 unter „The Collector“ im Original. Es ist der Debüt-Roman von John Fowles. Er wird nicht mehr gedruckt, ist nur noch gebraucht erhältlich.

Ich musste das Buch haben, weil Sol Stein den Autor in seinem Ratgeber „Über das Schreiben“ als „Meistererzähler unseres Jahrhunderts“ bezeichnet und dringend dazu rät, den Roman zu lesen, sollte man es noch nicht getan haben. (S. 39) Dazu gibt es Zitate aus Fowles‘ Werk, die mich sofort in ihren Bann zogen.

Elizabeth George offenbart in ihrem Schreibratgeber „Wort für Wort“, dass „der unvergleichliche John Fowles“ der Schriftsteller ist, der sie als Leserin und Schriftstellerin am stärksten beeindruckt hat. (S. 268)

Ich hatte keine Wahl.

Frederick Clegg

Frederick Clegg, genannt Fred, war zwei, als sein Vater starb und seine Mutter auf Nimmerwiedersehen verschwand. Er wuchs bei seiner Tante Anni auf. Seit jeher sucht, jagt und sammelt er Schmetterlinge, insbesondere die Abarten haben es ihm angetan.
Fred arbeitete im Rathaus, gegenüber von der Wohnung, in der Miranda lebte, wenn sie nicht im Internat war. Mittlerweile studiert sie an der Slade-Akademie. Sein Lottogewinn führt ihn nach London – und damit zu Miranda. Er spürt sie auf – und eine grausame Idee reift heran…

Frederick ist ein gelungener Protagonist. Durch seine Gedankengänge wirkt er erschreckend glaubhaft und authentisch. Seine Andeutungen und Schilderungen sind beunruhigend. „Der Sammler“ löste das Gefühl aus, das ich mir von einem Psychothriller erhoffe. Und das lag an der brillanten Charakterisierung von Fred.

Miranda Grey

Miranda ist anders als Fred. Ihr Vater ist Arzt, sie drückt sich anders aus, hat anderen Umgang mit anderen Menschen. Sie interessiert sich für Politik und Kunst, hat ein Stipendium gewonnen. Frederick weiß, dass er ihr niemals das Wasser reichen kann – und doch will er sie haben. Was will er von ihr? Wird er ihr die Freiheit rauben – wie er sie den Schmetterlingen nimmt? Und danach? Wird er ihr das Leben nehmen – wie er es bei den Tieren macht?

Ich konnte mir Miranda problemlos vorstellen. Sie wirkt tough, zeigt selten, was für Kämpfe sie in ihrem Inneren austrägt. Umso wichtiger war es, sie im zweiten Teil näher kennen zu lernen, nicht durch Freds Eindrücke, sondern durch einen ungefilterten Einblick in ihre Gedanken und Gefühle.

Konträr

Der Autor hat den Täter nicht nur als bösen Buben dargestellt – und das Opfer nicht ausschließlich als armes Mädchen.

Fred hat in seiner verqueren Logik die allerbesten Absichten. Er hat sich im Griff, verliert nie die Beherrschung, nicht im Dauerfeuer, das ihm Miranda entgegenbringt, ja, nicht einmal in der einzigen blutigen Szene. Er rechtfertigt sich am laufenden Band. Er ist so arglos – und so verdammt schuldig. Er hat mich fertiggemacht. Manchmal war ich fast bereit, ihm zuzustimmen, herrje!

Miranda ist nicht vollumfänglich sympathisch. Sie wirkt arrogant, obwohl sie es zu erklären versucht. Sie ist flatterhaft. Ich hatte Verständnis für sie. Sie ist genau so, wie sie sein muss – sie lockt ihn aus der Reserve, damit wir sehen, wie er wirklich ist. Sie ist der Grund dafür, dass er eine Entwicklung durchläuft.

Man erkennt sofort, ob Frederick oder Miranda spricht. Der Autor hat beiden eine eigene Stimme gegeben. Ich mochte den Kontrast. Und ich fand es hervorragend, dass und wie er Sarkasmus eingesetzt hat. Manche Feststellungen sind so absurd, die eine oder andere Äußerung derart spöttisch und hämisch, es ist irrwitzig. John Fowles hat’s drauf.

Der Einstieg

Die Geschichte hat mich sofort gekriegt. Was zu erwarten war, schließlich hatte mich schon der erste Absatz, den Stein in seinem Buch zitiert hat, gepackt. Aber es ging so weiter. Und das war genial.

„Der Sammler“ ist gruselig. Wirklich, ich hatte Gänsehaut. Der Autor schafft eine bedrückende Atmosphäre, er macht Andeutungen, die das Böse erahnen lassen, das da lauert. Ich wusste, dass es kommen, dass niemand es abwenden würde. Ich hatte nur keine Ahnung, worauf das Ganze hinausläuft. Es war unberechenbar.

Der Verlauf

Im ersten Teil erzählt Fred aus seiner Sicht in der Ich-Form. Ich mochte diesen Part am liebsten, er war düster, ich war gefesselt, es war überaus spannend. Er nimmt fast die Hälfte des Buches ein, Teil drei und vier sind kurz.

Den zweiten Teil lesen wir aus Mirandas Sicht, die heimlich Tagebuch führt. Hier gab es für mich ein paar Längen. Außerdem wusste ich, wie die Ereignisse ausgehen, weil ich sie durch Freds Augen bereits gesehen habe. Es ist weniger überraschend und eindrücklich. Trotzdem verstehe ich, dass die Einblicke in Mirandas Gedanken wichtig waren. Ich kam ihr näher, fühlte intensiver mit ihr. Die Diskrepanzen werden deutlicher, die Klassenunterschiede, die Verschiedenheit der Wahrnehmung etc. Außerdem macht sie eine Entwicklung durch, eine Metamorphose, von der wir ansonsten wenig erfahren hätten.

Wer hat die Kontrolle?

Sie ist hübsch, er sammelt Schönes. Sie will fliehen, er muss sie behalten. Sie gewinnt in Schlagabtauschen, er ist ihr körperlich überlegen. Sie hat den Verstand, er die Schlüssel.

Sie haben ungleiche Voraussetzungen – und doch steht es unentschieden, immer wieder. Ich war mir nicht sicher, wie es ausgeht, wer „gewinnen“ wird und auf welche Weise. Allgemein ist das Thema ein wichtiges, denn hätte er nicht in der Lotterie und sie nicht ihr Stipendium gewonnen, wäre die Geschichte in dieser Form nicht so abgelaufen.

Auflösung/Ende

Ich hing in jeder freien Sekunde vor dem Text, es ging nicht anders. Ich war gespannt, für welche Auflösung sich John Fowles entschieden hat. Als ich sie dann gelesen habe, fand ich sie im ersten Moment etwas banal. Sie ist allerdings nachvollziehbar. Freds Gedankengänge machen sie unausweichlich und glaubwürdig. Im Grunde hätte es nicht anders kommen können, es ist der natürlichste Verlauf, der, der am besten zu den Umständen passt.

Das Ende hat es dann wieder in sich. Ich bleibe in der Stimmung zurück, in die mich der Anfang des Buches versetzte. Ein gelungener Abschluss. Alles erscheint rund, stimmig – und wahnsinnig.

Verfilmung

„Der Sammler“ wurde unter dem Namen „Der Fänger“ verfilmt.

Fazit

Ein subtil erzählter Psychothriller, der mich insbesondere in den drei Teilen, in denen wir aus Freds Sicht lesen, gefesselt und gegruselt hat. Kein Buch, das ich vergessen, kein Protagonist, über den ich hinwegkommen werde.

4,5/5!

Der Sammler: Roman

352 Seiten / ISBN: 978-3548602240 / Übersetzung: Maria Wolff


Auf Empfehlung von Sol Stein und Elizabeth George

Das Buch habe ich aufgrund der Erwähnungen in

Über das Schreiben – Sol Stein
und
Wort für Wort – Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben – Elizabeth George

gelesen.

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