Flussfahrt – James Dickey

Flussfahrt - James Dickey

„Flussfahrt“, im Original 1970 erschienen, ist der erste Roman des Lyrikers James Dickey. Ein fesselndes Debüt.

4/5

Inhalt

"'Ab geht's', sagte er, 'raus aus dem Schlaf der friedlichen Bürger, hinein in das schäumende Wildwasser.'"

Klingt nach Spaß? Zumindest erhoffen sich die vier Städter eine Auszeit von ihren Routinen, wenn sie mit zwei Kanus den Cahulawassee, einen (fiktiven) wilden Fluss im ländlichen Nordosten Georgias, hinunterfahren, ehe er gestaut werden und einen See bilden soll. So viel sei gesagt: Sie erleben das komplette Gegenteil ihres Alltags – aber auch einen Albtraum, aus dem nicht alle lebend herauskommen.

Charaktere

Die Geschichte wird aus Eds Sicht erzählt – und ich bin froh darüber.

Zunächst scheint es, als wäre Lewis Medlock, Ende 30, der Held. Er ist der Fitteste von ihnen (vielleicht sollte ich sagen: Der einzig Fitte), der Spontanste, der Unerschrockene, der Anführer. Er ist derjenige, zu dem Ed Gentry, Ehemann, Vater und Art-Director, aufschaut. Lewis ist jemand, der nicht groß nachdenkt, sondern zur Tat schreitet und davon ausgeht, dass sich alles finden wird.
Ed ist hingegen ein scharfer Beobachter und ehrlich zu sich selbst, auch wenn er zu überspielen versucht, was in ihm vorgeht. Er ist in der Lage, sein Innenleben anschaulich zu beschreiben. So unterdrückt er etwa auf Seite 20 „das alte, tödliche, hilflose Gefühl des von der Zeit terrorisierten Menschen“ und spricht über die „enorme Last der Lethargie“.

Für mich stehen die beiden klar im Fokus, mit Bobby Trippe, dem geselligen Alleinstehenden, und Drew Ballinger, der als ruhiger Familienmensch beschrieben wird, konnte ich weniger anfangen, zu Beginn habe ich sie nicht einmal auseinanderhalten können.

Vier Männer – und eine schlechte Idee.

Es geht um Männlichkeit

Zelte, Bogen, Pfeile, Jagdmesser, Schwimmwesten, Bier – was soll schon schiefgehen?

Sind wir ehrlich: Es ist ein selten dämlicher Einfall, das steht von Anfang an fest – und sie wissen es. Sie haben keine Ahnung von dem, was sie tun, sie kennen nicht einmal das genaue Ziel, sie verlassen sich auf Lewis, der als Kurzentschlossener gilt. Die Einheimischen verstehen ihr Ansinnen nicht, doch sie ignorieren die Warnungen. Sie wollen ihr Abenteuer, sie kriegen es.

Auf Seite 66 erblickt Ed, der hofft, während der Reise einen Hirsch zu erlegen, sein Spiegelbild und nimmt sich als „ein großer, hellgrüner Waldmensch, ein Forscher, ein Guerilla, ein Jäger“ wahr. Ihm gefällt, was er sieht.
Danach heißt es:

"Ich berührte den Griff des Messers an meiner Seite und erinnerte mich daran, daß alle Männer einmal Jungen waren und daß alle Jungen ununterbrochen nach Mitteln und Wegen suchten, Männer zu werden. Einige dieser Mittel und Wege sind leicht; man braucht sich nur damit zu begnügen, daß es geschieht."

Interessant ist, dass Lewis Ed „mein Sohn“ nennt. Das ändert sich im Verlauf. Am Ende bezeichnet jemand anders ihn so.
Für mich signalisiert das (u.a.), dass es, so erwachsen man ist, so sehr man sich bewiesen hat, immer jemanden geben wird, der über einem steht. Er wollte frei sein, ist aber nur anders unfrei als vorher.

Dass er Bobby „Baby“ nennt, nehme ich auch ernst.

Das Thema Männlichkeit kommt immer wieder auf. Daneben gibt es weitere:

Mensch gegen Natur

Weshalb unternehmen sie diese Kanutour genau jetzt? Weil der Fluss gestaut werden soll. Ein Eingriff in die Natur.
Sie wollen den Fluss hinunterfahren – der Versuch, ihn zu beherrschen.
Die Natur ist uns ausgeliefert – aber sie kann zurückschlagen. Sie ist unerbittlich.
Und da wir beim Thema Ausgeliefertsein sind: Die Städter, diese „ganz normalen Menschen“, müssen sich nicht nur mit dem wilden Fluss auseinandersetzen, sondern auch mit zwei unzivilisierten Bergbewohnern.

Auch darum geht es: Menschen sind verschieden, nicht alle Hinterwäldler sind grausam, nicht alle Städter unfähig.
Ihnen bleibt in „Flussfahrt“ keine Wahl: Sie sind gezwungen, mehr Mut aufzubringen als in all den Jahren zuvor. Sie werden zu Gejagten – und selbst zu Jägern, werden mit ihren Urinstinkten konfrontiert, ihren Stärken, ihrer Verletzlichkeit. Sie lernen neue Wahrheiten über sich, müssen Entscheidungen treffen, die sie nicht treffen wollen – und mit den Folgen leben.

Zum Mitfiebern

„Flussfahrt“ ist ein fesselndes Buch, ich bin sofort ab- und erst am Ende wieder aufgetaucht, als dieses Abenteuer hinter ihnen liegt – mehr oder weniger. Zwar zieht sich der Anfang, der Teil, bevor es tatsächlich losgeht, aber er ist wichtig, um die Figuren, insbesondere Ed, kennen- und einschätzen zu lernen. Ich mochte Ed, ich wollte, dass er heil aus der Sache herauskommt. Sie alle.

Letztlich zeigt die Geschichte, wie schnell sich alles ändern kann: Der Fluss, der schon immer so dahinrauscht, soll gestaut werden, die Männer, die ihren harmlosen Alltag hinter sich gelassen haben, müssen Dinge verarbeiten, die sie sich vorher nicht einmal vorgestellt haben.

Aufbau/Stil

Es gibt ein „Vorher“ und ein „Nachher“, dazwischen liegt der Zeitraum vom 14. September bis 16. September.

James Dickey, der für seine Gedichte bekannt ist, hat mit „Flussfahrt“ seinen ersten Roman vorgelegt. Ich mochte seinen Schreibstil, er ist interessant, abwechslungsreich und unterhaltsam; raffiniert, aber unkompliziert.
Die Beschreibungen der Umgebung langweilen nicht, die Stärke des Flusses wird deutlich. Die Natur ist faszinierend – und gleichgültig bis gewaltig.
Ich empfand die Geschichte als sehr intensiv. Auch die Dialoge sind, insbesondere durch Eds Art, oftmals angenehm munter. Hier stimmt beides: Schreibstil und Handlung.

Verfilmung

Das Buch wurde unter dem Titel „Beim Sterben ist jeder der Erste“ mit Burt Reynolds als Lewis und Jon Voight als Ed verfilmt.

Fazit

„Flussfahrt“ ist ein fesselnder Abenteuerroman, zeitlos, sehr gut geschrieben, langsam aufgebaut, spannend zu Ende gebracht.

Flussfahrt - James Dickey

Flussfahrt – James Dickey

Originaltitel: Deliverance (1970)

Übersetzung: Jürgen Abel

Verlag: Rowohlt

Seiten: 251

ISBN: 9783499127229

Das Buch ist nur noch gebraucht erhältlich.

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