Hirschtier – Claire Oshetsky

Hirschtier - Claire Oshetsky

„Hirschtier“ von Claire Oshetsky ist ein Roman über Verlust, Trauma, Entfremdung und die Macht selbst errichteter Grenzen sowie kindlicher Fantasie.

Bewertet mit 4 von 5

Werbung, da Rezensionsexemplar

Inhalt

Agnes Bickford stirbt, als sie und ihre Freundin und Nachbarin Margaret vier Jahre alt sind. Zwölf Jahre ist das her – und seitdem schleppt Margaret Murphy Hirschtier mit sich herum, ein imaginäres Wesen, das ihr einerseits Hoffnung schenken sollte, sie andererseits noch heute immer wieder an die Rolle erinnert, die sie beim Tod des Mädchens spielte. Nun soll sie sich endlich der Wahrheit stellen, fordert das Monster, und Margaret, die dazu neigt, Geschichten mit einem erfundenen Happy End zu versehen, gibt ihr Bestes, um ihr einzig wahres Bekenntnis zu schreiben.

Über einen Verlust…

„Hirschtier“ erzählt die Geschichte von zwei kleinen Mädchen am Tag der Schulhofüberflutung in den 1950er Jahren, an dem Agnes stirbt und Margarets Leben aus den Fugen gerät. 

Ruby Bickford erhebt schwere Vorwürfe: Margaret war zuletzt mit Agnes zusammen. Doch Florence Murphy nimmt sie nach außen hin in Schutz: Ihre Tochter hat zu keinem Zeitpunkt das Haus verlassen. 

Eine Mutter zerbricht, die Nachbarschaft und Freundschaften sterben.

… und die Überlebende

Was bleibt, ist ein kleines Kind, mit dem niemand je ernstlich über den Vormittag spricht, das alleingelassen wird mit seinen Gefühlen. Ein Kind, das schon immer als „hinterher“ gilt, obwohl es doch blitzgescheit und voller Fantasie durchs Leben geht. Fortan flieht Margaret in die Natur, malt sich Happy Ends für die Ereignisse aus, mit denen sie konfrontiert wird. Sie fürchtet sich, glücklich zu sein, weil dann, so meint sie, etwas Schreckliches geschehen wird.

Dieses Buch ist schwer, teils wirkt es verstörend, der Erzählerin, zu der ich keine echte Nähe aufbauen konnte, zu folgen. Aber es ist auf seine Weise nachvollziehbar – und zudem fesselnd geschrieben. Es ist nicht die Handlung, die Spannung erzeugt, sondern die Art, wie Margaret denkt.

Das Motto 

Ich geb‘s zu: So richtig ernst nehme ich es nicht, wenn einer Geschichte ein Motto vorangestellt ist. Manchmal lohnt sich das aber – wie in „Hirschtier“.

„Sieh das Mysterium, die rätselhafte, unverdiente Schönheit der Welt“, wird Joy Williams zitiert. Und besser könnte man kaum vorbereiten auf den Inhalt. Denn man soll sehen (nicht urteilen), mit dem Mysterium klarkommen (keine Auflösung erwarten), akzeptieren, dass das Schöne neben dem Brutalen existiert.

Margarets Welt

Die Protagonistin beschreibt den Ort des Geschehens so:

„(...) Die Grenzlinie zwischen dem Handfesten und dem Übernatürlichen ist rasierklingendünn, und die Luft ist voll von allem Möglichen, was man nicht klar erkennen kann: Schnee, brummenden Flugzeugen, Schrotkugeln, chaotischen Vogelschwärmen.“

„Rasierklingendünn“ weist schon darauf hin, wie es zugeht in dem Roman: gefährlich. Da ist eine Menge Verletzlichkeit. Und Margaret Murphy hat früh gelernt, dass Schnee genauso in der Luft sein kann wie Schrotkugeln, etwas Natürliches und Harmloses neben etwas Technischem, Bedrohlichem. Manches ist sichtbar, anderes nicht, in jedem Fall gibt es Schönheit – und Gewalt, beides ist möglich, jederzeit.

Andere Fragen

Zeitweise mag der Roman irritieren, weil er Fragen stellt, die nicht die offensichtlichen sind. So ist das Buch nicht als bloße Leidensgeschichte zu lesen, weil die Frage, weshalb ihr all das passiert, hier keine Rolle spielt. Es passiert ihr, Punkt. Die Frage ist eher, wie sie die Welt sieht – wegen und trotz allem.

Über Hirschtier heißt es:

"(...) Der Saum seines blauen Gewands ist schlammverkrustet, als wäre es von weit her zu mir zurückgekommen. Seine Augen sind harte schwarze Murmeln. Seine Krone ist aus trüben Sternen. Ist es real? Spielt das eine Rolle? Es ist ein Teil von mir."

Es geht nicht um die naheliegende Frage nach seiner Existenz, der Text macht das sofort deutlich. Stell die besseren Fragen, akzeptiere, wie es ist. Es geht vielmehr darum, was dieses Tier für sie bedeutet.

Poor Deer

„Poor Deer“ ist der Originaltitel des Buches – und „poor deer“ ist das, was Margaret hört, wenn sich ihre Mutter und Tante über Ruby unterhalten, es sind die Worte, die sie immer wieder aufschnappt, etwa von Mrs. Gates, bei der sie während der Beerdigung untergebracht wird. Sie ist vier Jahre alt, versteht manches falsch, „tiefe Schüttelung“ wird eine tiefe Erschütterung sein – und „poor deer“ in Wahrheit „poor dear“. Aus einem Missverständnis heraus entsteht Hirschtier – und bleibt.

Hirschtier

Das titelgebende Hirschtier ist nicht real, fühlt sich für die Protagonistin aber so an. Sie nahm es auf, als sie allein und auf der Suche nach Hoffnung war, wird es nun nicht mehr los, obwohl das Monster sie quält und drängt, sich der Wahrheit zu stellen.

Das Hirschtier ist die Last, die sie mit sich herumschleppt: ihre Schuld, ihre Wiedergutmachungshoffnung, nichts, das sich abschütteln oder aussperren lässt, nichts, das sie kontrollieren kann – ihr schlechtes Gewissen ist übermächtig – und Hirschtier spiegelt das wider.

Das Konzept des sichtbar gewordenen Schuldgefühls wird nicht für alle aufgehen, aber der Roman traut sich, Dinge stehen zu lassen, ob das nun irritiert oder nicht.

Speziell

„Hirschtier“ ist kein leicht zugänglicher Text, man muss Geduld mitbringen und die Bereitschaft, sich Dinge zu erschließen. Der Roman ist einfallsreich und kreativ, aber er ist nicht für alle.

Die Autorin hat eine vierjährige Protagonistin entwickelt, die Schreckliches erlebt hat und sich mit 16 der Wahrheit stellt. Sie spielt mit der Wahrnehmung, Zeit und Perspektive, um die Erzählerin darzustellen, die eine Menge Fantasie hat. Das empfand ich im Übrigen als äußerst beklemmend: Die Tatsache, dass sich ein Kind ein Wesen erschaffen muss, um weiterleben zu können, da ihr verboten wird, sich jemandem anzuvertrauen – und so wird Fantasie in dieser Geschichte zu beidem: Schutz und Bürde.

Das Ende

Claire Oshetsky hat sich dafür entschieden, das Buch mit einer Möglichkeit, einer Vorstellung von etwas, das eintreten könnte, einem ersten Widerstand enden zu lassen. Leser:innen, die eine exakte Auflösung brauchen, schwarz auf weiß und Wort für Wort, werden nicht glücklich damit sein. 

„Hirschtier“ ist jedoch – willentlich – zu keinem Zeitpunkt ein Wohlfühlbuch, sodass ich den Ausgang stimmig finde. In meinen Augen ist es nicht nur ein weiteres, sondern das wichtigste Happy End aus Margarets Feder.

Fazit

Ein starker Roman für alle, die sich auf diese wilde Mischung einlassen können und nicht alles erklärt haben wollen. Kein Wohlfühlbuch, vielmehr ein düsteres, das langsam in stiller Stunde gelesen und akzeptiert werden will – und zwar nicht mit der großen Frage: Warum passiert Margaret all das?, sondern als Entdeckung: So sieht sie die Welt. Wegen und trotz allem.

Zusammenfassung Hirschtier von Claire Oshetsky 

Dieses Buch ist für dich, wenn du

Hirschtier - Claire Oshetsky

Hirschtier – Claire Oshetsky

Originaltitel: Poor Deer (2024)

Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann

Verlag: Ecco Verlag

Erschienen: 27.01.2026

Seiten: 240

ISBN: 9783753001135

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