Wie man die Zeit anhält – Matt Haig

Darum geht’s

Er will noch einmal neu anfangen: Tom Hazard, vom Aussehen her ungefähr 40 Jahre alt, geht in „Wie man die Zeit anhält“ nach London, um Geschichte zu unterrichten. Das Besondere: Er ist 439 Jahre alt und hat die Dinge, die seine Schüler*innen wenig interessieren, alle miterlebt. Außerdem sucht er etwas in London, nämlich seinen Sinn, dieses lange Leben weiterzuleben. Stattdessen findet er jedoch etwas anderes – nämlich jemanden, in den er sich verlieben könnte. Was gegen Regel Nummer 1 verstößt…

Protagonist

Der Protagonist nennt sich momentan Tom Hazard und erzählt uns seine Geschichte in der Ich-Form. Er ist als Sohn eines französischen Grafen zur Welt gekommen. Nach dessen Tod musste er mit seiner Mutter fortgehen, doch auch sie starb viel zu früh – und zwar seinetwegen. Tom hat eine extrem seltene Veranlagung: Er altert deutlich langsamer als andere Menschen. Erst nach ungefähr 15 Jahren sieht er ein Jahr älter aus. Seine Lebenserwartung beträgt etwa 950 Jahre. Gegen die meisten Krankheiten ist er immun.

Der Autor hat mit Tom eine äußerst interessante und originelle Figur erschaffen. Ich war sehr gespannt, wohin mich seine Geschichte in „Wie man die Zeit anhält“ führen würde. Die Schilderungen um die Schwierigkeiten, die seine Veranlagung mit sich bringt, fand ich nachvollziehbar. Es ist verständlich, dass er darunter leidet, die Menschen, die er liebte, bereits verloren zu haben. Es ist verständlich, dass er gerne gewöhnlich wäre, ein normales Leben leben möchte, die Schauspielerei hinter sich lassen will. Ich fand sein Schicksal grundsätzlich ergreifend. Allerdings bin ich Tom nie allzu nahe gekommen. Ich konnte nicht so mit ihm fühlen, wie es die Thematik eigentlich ermöglichen würde. Das fand ich schade. Da war immer etwas zwischen uns. Es hat vielleicht auch an den vielen Zeitsprüngen gelegen.

Positiv anmerken möchte ich, dass er sich am Ende weiterentwickelt, was immer sehr für starke Charaktere spricht.

Die „Albatros-Gesellschaft“

Es wird unterschieden zwischen einem langlebigen Albatros wie Tom (ja, es gibt mehr als ihn allein mit dieser Veranlagung) und den sogenannten Eintagsfliegen, also den gewöhnlichen Menschen.

Hendrich spielt in der „Albatros-Gesellschaft“, in die er Tom rekrutiert, eine große Rolle. Er ist eine Art Mentor, der Tom einige Regeln mit auf den Weg gibt, beispielsweise die, dass er keinen anderen Menschen lieben soll, weil das zu viele Gefahren mit sich bringt.

Alle acht Jahre müssen die Mitglieder der Gesellschaft einen Auftrag für Hendrich erledigen, danach verhilft er ihnen zu einem neuen Leben mit neuem Namen, neuen Papieren, einem neuen Beruf – und das alles möglichst weit weg, um auszuschließen, dass man nicht doch auffliegt mit seinem sich wenig verändernden Aussehen.

Man gewinnt den Eindruck, dass Hendrich viel an Tom liegt und dass er ihm helfen will, dass Tom das Leben genauso schätzt wie er selbst es tut. Ich fand die ganze Idee um die „Albatros-Gesellschaft“ bis zu einem gewissen Punkt außergewöhnlich und gelungen.

Stimmung

„Wie man die Zeit anhält“ beginnt ziemlich düster, in einer traurigen, eher bedrückenden Atmosphäre. Tom ist unglücklich – und man kann es verstehen. Es gibt viele Rückblicke, aber auch diese sind wenig erfreulich. Die Stimmung hält wirklich lange an, man muss sich ein bisschen da durchkämpfen.

Gefallen hat mir zum Beispiel der Wortwechsel, den Tom mit Anton nach deren brenzliger Begegnung führt. Auch seine positiven Gefühle dem Lehrerdasein gegenüber. Eine ordentliche, wenn auch nicht überbordende Portion Hoffnung und Zuversicht gibt’s dann aber erst ganz am Schluss, wenn man merkt, dass der Protagonist sein Denken verändert und Akzeptanz in sein Leben gebracht hat.

Stil

Das Buch lässt sich gut lesen, es hat mich aber nicht 100 %-ig gekriegt. Manche Sätze sind großartig, gar keine Frage. Es vermittelt auch viele wichtige Botschaften. Aber ich hatte Schwierigkeiten, die ganze Zeit über mit Spannung dabei zu bleiben. Der Roman kam mir letztlich viel länger vor, als er tatsächlich ist.

Höchstwahrscheinlich hätte es mir mehr zugesagt, wenn der Fokus auf der Gegenwart gelegen hätte. Natürlich muss Toms bisheriges Leben kurz an die Leser*innen gebracht werden, was Einblicke in die Vergangenheit nötig macht. Ich hätte mir dennoch mehr aus dem Jetzt und weniger aus dem Früher gewünscht. Das Verhältnis liegt aber ungefähr bei 50:50.

Botschaften

Matt Haig ist ja schon so ein kleiner Genre-Hopper. Ich habe inzwischen einige Bücher von ihm gelesen, Sachbücher wie Romane, die mir allesamt ziemlich gut gefallen haben. Dabei fällt auf, dass er ganz viel Persönliches in seinen Werken verarbeitet. Man merkt, dass er Ahnung von dem hat, was er da schreibt. Deshalb haben mir die Teile, die ganz besonders viel aussagen wollten, auch ziemlich gut gefallen.

Die Botschaften bleiben dabei ähnlich. Aus „Wie man die Zeit anhält“ habe ich für mich erneut herausgefiltert: Gib dem Leben ein Ja, auch wenn Ängste, Sorgen und die große Ungewissheit dazugehören. Gib dem Leben ein Ja, auch wenn es sich nicht immer lebenswert anfühlt – es wird wieder anders. Und egal, wie oft man so etwas liest, es verliert nie auch nur ein kleines Stückchen an Bedeutung. Deshalb: Gerne mehr davon.

Fazit

Die Botschaften, die Matt Haig hier vermittelt, sind gut und wichtig. Die Geschichte um diese Kernaussagen herum konnte mich allerdings nicht durchgehend fesseln, auch wenn sie sehr originell ist. Auch blieb mir der Protagonist eher fremd, so dass ich nicht richtig mit ihm fühlen konnte.

3/5!

Wie man die Zeit anhält: Roman

384 Seiten / ISBN 978-3-423-21810-8 / Übersetzung: Sophie Zeitz


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