Wolfsnacht – Alice Hoffman

Inhalt

Vier Monate verbrachte der Patient 3119 in „Wolfsnacht“ hinter verschlossener Zimmertür im Kelvin Medical Center, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Nun soll der Mann, den alle als Wolfsmann bezeichnen, verlegt werden. Er will nicht – und bricht sein Schweigen. Robin, die ihren Bruder Stuart, Psychiater, besucht, handelt instinktiv: Sie nimmt ihn mit, versteckt ihn bei sich. Wie lange wird das gutgehen? Immerhin wohnt ihr Sohn Connor, 16, unter ihrem Dach. Wer ist der Wolfsmann – und ist er gefährlich?

Starker Beginn

Im April hatten die meisten Leute ihn bereits vergessen, außer einigen Krankenschwestern, die sich bekreuzigten, wenn sie an seinem Zimmer vorbeigingen.“ (S. 5) So beginnt der Roman „Wolfsnacht“, dessen Originalausgabe 1994 unter dem Namen „Second Nature“ erschien.
Elizabeth George hat in ihrem Ratgeber „Wort für Wort“ die ersten drei Seiten der Geschichte zitiert (S. 118 ff.) und mich ab Satz eins neugierig gemacht. Außerdem verrät sie, dass Alice Hoffman zu den Autoren gehört, deren gebundene Ausgaben sie kauft, sobald sie auf den Markt kommen (S. 268). Klingt vielversprechend, oder?

Da das Buch nicht mehr gedruckt wird, habe ich es gebraucht erstanden.

Der Wolfsmann

Der Wolfsmann wurde in der letzten Dezemberwoche von einem Onkel und seinem Neffen gefunden. Durch Wolfsgeheul angezogen, fanden die zwei ihn in einer ihrer Stahlfallen. Er war voller Blut, doch er überlebte.

Wie sich im Verlauf herausstellt, hat der Mann einen Namen: Stephen. Seine Vergangenheit hat es in sich, aber er vertraut sich weder den Ärzten noch irgendjemandem sonst an. Die wildesten Gerüchte kursieren – und halten Robin, an die er fünf Worte richtet, nicht davon ab, ihn bei sich aufzunehmen. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich herausstellen wird.

Robin Moore

Robin ist Gärtnerin und lebt mit ihrem Sohn Connor auf einer Insel in Nassau County. Weil sie sich von ihrem Ehemann Roy getrennt hat, haben seine Polizei-Kollegen sie auf dem Kieker. Nicht die besten Voraussetzungen, um einen Menschen zu verstecken – und doch kommen die beiden erstaunlich weit.

Robin ist eine starke Protagonistin, die sich nicht unterkriegen lässt. Sie hat mich überzeugt, auch wenn ich nicht alles nachvollziehen konnte, was sie getan hat.

Muss man glauben wollen

Alice Hoffman schreibt im Genre des Magischen Realismus.

Die Geschichte ist wenig glaubwürdig. Das betrifft sowohl die Hintergründe als auch viele der Entwicklungen. Das Alter, das Stephen zum Unglückszeitpunkt hatte, passt hinten und vorne nicht zu seinem Stand und den Fortschritten, die er bei Robin macht. Wenn man bereit ist, das auszublenden und sich auf die Story einzulassen, funktioniert sie.

Spannende Fragen

Es werden Fragen aufgeworfen, die mich am Lesen hielten: Wie wird sich der Wolfsmann entwickeln? Wie lange kann/will er sich bei Robin verstecken? Was hat er erlebt?

Später gibt es Ereignisse, denen man sich kaum entziehen kann und die eine Reihe weiterer Fragen mit sich bringen. Obwohl einiges absehbar ist, wird es nicht langweilig.

Die Geschichten der Nebenfiguren sind ebenfalls interessant, beispielsweise die um Robins 91-jährigen Großvater Richard Aaron, genannt Old Dick. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen ihm und Stephen ist berührend. Dieses zarte Band war für mich der stärkste Teil des Buches.

In „Wolfsnacht“ geht es um das Wilde, das Unangepasste, um das, was als normal und zivilisiert gilt – oder nicht. Es herrscht ein Mix aus Vorurteilen, Eifersucht, Verständnis, Liebe und Verlangen.

Etwas fehlte

Es gibt Absätze voller Beschreibungen, aber die Dinge, über die ich gerne detailliert gelesen hätte, wurden unterschlagen oder flott abgehakt. Unter anderem hat mir die Annäherung von Robin und Stephen gefehlt. Sie nimmt ihn mit, zeigt ihm das Haus usw. – und plötzlich erfahre ich, dass sie zusammen lesen und schreiben üben. Okay. Ich wünschte, ich hätte verfolgen können, wie es dazu kam, wie sie es angesprochen, wie er reagiert hat. Solche Feinheiten habe ich vermisst.

In Anbetracht der Tatsache, dass der Roman lediglich 250 Seiten umfasst, auf denen wir die Figuren über einen Zeitraum von mehreren Monaten begleiten, überrascht weder das Fehlen von Längen noch das Vorhandensein der Lücken.

Schreibstil/Perspektive

Alice Hoffman schreibt flüssig und eindringlich. Sie nutzt blumige Formulierungen, schreckt nicht davor zurück, vulgäre Ausdrücke unterzumischen. Letztere brauche ich nicht, hier unterstreichen sie das Rebellische, um das es geht, so dass ich ihnen eine Daseinsberechtigung zugestehe.

Ich war von Beginn bis Ende gefesselt und verstehe, weshalb die amerikanische Schriftstellerin eine große Fangemeinde hat. Es gibt einige merkenswerte Sätze.

In „Wolfsnacht“ hat sich die Autorin für einen allwissenden Erzähler entschieden. Die Einblicke wechseln teilweise extrem schnell. Ich mochte die Perspektive, fand sie passend.

Alice Hoffman hat keine Probleme damit, ihren Charakteren Schmerz zuzufügen. Es ist eine unberechenbare Geschichte, deren Ende ich stimmig finde.

Fazit

Eine unterhaltsame, nicht glaubwürdige Story über das Misstrauen gegenüber dem Unbekannten und Unkontrollierbaren. Schmerzlich, schön, manchmal befremdlich, immer mitreißend.

3/5!

Wolfsnacht: Roman

256 Seiten / ISBN: 9783442438327 / Übersetzung: Elke vom Scheidt


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